Knochenkrebs – ein Tagebuch

 

 

 

 

Ein Donnerstag Ende September 2002:

 

Wie gewöhnlich geht es nachmittags zum langen Spaziergang in den Wald. Die Hunde laufen wie immer frei vom ersten Meter an und sind unauffällig und guter Dinge.

Nach wenigen hundert Metern geht Benjamin (Deutsche Dogge, Rüde, gestromt, geb. 31.07.1995 , also 5 Jahre und 2 Monate alt)  vom Weg ab, zu einem Stoss gefällter Bäume, um in Rüdenmanier das Bein zu heben. Plötzlich schreit er jämmerlich auf, springt zur Seite und rennt laut jaulend und schreiend auf den Weg zurück. Dort lässt er sich zum Sitzen ab, am ganzen Leib zitternd, sabbernd und leise jammernd und hebt das linke Vorderbein an, so hoch es nur geht.

Heftig erschrocken gehe ich zu ihm, um mir das Bein genau zu betrachten und kann rein äusserlich absolut nichts feststellen. Also taste ich das ganze Bein, beginnend bei den Zehen, Zentimeter für Zentimeter akribisch ab: und stelle mit Verblüffung fest, dass keinerlei Versuch die Pfote zurückzuziehen oder eine (von mir eigentlich erwartete ) Schmerzreaktion kommt. Hm… Kopfschüttelnd und rätselnd, was das nun war, wird auch noch die Stelle am Holzstoss untersucht, wo er aufschrie, in der Annahme, er könnte ja vielleicht auf einen spitzen Stein, einen Dornenbusch oder so was getreten sein. Nichts.

Nach ein paar Minuten steht Benjamin auf und läuft wieder…. aber wie: die ersten Meter sehr stark humpelnd und mit verzerrtem Gesichtsausdruck.. Wir kehren um, gehen langsam zurück Richtung Auto, der Spaziergang ist gelaufen. Mit jedem Meter, den wir gehen, tritt Ben wieder fester auf dem Bein auf und das Humpeln verliert sich fast völlig. Da ich aber verunsichert bin, geht es zurück nach Hause.

Am Abend ist kaum noch etwas zu bemerken, er humpelt nicht mehr, scheint nur noch etwas schonend zu laufen, aber so ganz sicher bin ich mir selbst da nicht und frage mich, ob ich vielleicht schon anfange, Gespenster zu sehen und allem zuviel Bedeutung zuzumessen.

 

Am nächsten Tag bewegt er sich wieder, als ob nie etwas gewesen sei, rennt übermütig wie ein Reh über die Wiesen. Ruft man ihn, fällt er auf den letzten Metern zu uns in ein ganz leichtes Humpeln, was uns zunächst einen Schmunzler entlockt. Benjamin kann nämlich sehr gut seine Ohren „auf Durchzug“ stellen bei einem Kommando, das ihm nun grade mal nicht so gut gefällt. Es sah wirklich so aus, als wolle er signalisieren: guckt mal, ich wär ja vieeeeeeel schneller bei Euch, aber ich kann doch nicht. (Man muss wissen, Ben kommt auf ein „hier“ aber i.d.R. seeeehr langsam........ J)

 

Im Laufe dieses Tages bemerke ich einmal, nachdem er ins Auto gesprungen ist, dass er ganz kurz und leise „miefert“ und die linke Pfote hochhält, aber gleich darauf voll belastet und ohne Einschränkung rumspringt. Langsam zweifele ich an mir selbst.

Das wiederholt sich noch ein oder zweimal in den nächsten beiden Tagen.

 

 

Donnerstag,10. Oktober 2002

 

An diesem Nachmittag sind wir auf reinem Wiesengelände unterwegs. Viel Gelegenheit also für die Hunde, ausgelassen zu rennen und zu toben. Was sie auch gerne und ausgiebig tun, Benjamin sowieso. Mit Begeisterung und ziemlich hartnäckig muss er Irina animieren, bis sich die würdige ältere Dame (7!) dazu herablässt, sich darauf einzulassen.. Sie sind ein seltsames Paar, die beiden, aber einer kann nicht mehr ohne den anderen.

Nach dem Spielen kommt Benjamin, man glaubt es kaum, von selber auf mich zu – humpelnd !!!!!!!!!!!!!!!! Ich bin einigermassen entsetzt und ratlos. Hat er sich wieder vertreten?

Zufälligerweise steht er mit kerzengerade nebeneinander gestellten Vorderläufen aufrecht vor mir und mir fällt eine eigentlich kaum sichtbare Verdickung oberhalb des linken Vorderfusswurzelgelenkes auf.

Beim Abtasten stelle ich fest: a) es ist wirklich eine Schwellung und b) diese fühlt sich seltsamerweise irgendwie knöchern an. Aber er reagiert nicht auf das recht feste Abtasten dieser Stelle.

 

Samstag, 12. Oktober 2002

 

Beim Tierarzt-Besuch mit unserer „Sheila“ fragen wir bei der diensthabenden Tierärztin nach, in Bezug auf Benjamin, da wir vermuten, er könne eine Entzündung im Gelenk haben, was wir über das Wochenende tun können. Ich kündige aber an, dass ich sowieso auf jeden Fall den darauffolgenden Montag mit Ben in die Praxis kommen werde.
Ihr Ratschlag bestätigt unseren Gedanken: nämlich, ihm über die zwei Tage das Medikament Rimadyl zu geben, das einerseits entzündungshemmend und andererseits schmerzstillend ist.

Mir ist gar nicht wohl, aber ich möchte Benjamin gleich unserer Haustierärztin vorstellen, also werden wir das Wochenende schon rumkriegen. So ist es auch. Benjamin läuft zwar leicht schonend, aber ansonsten ist er quietschfidel wie immer.

Nur diese „Beule“.. .die beschäftigt mich in Gedanken mehr, als ich zugeben möchte. Mir kommt es vor, als ob sie, seit ich sie entdeckt habe, immer grösser werde. Einigermassen energisch zwinge ich mich aber dann doch dazu, mir darüber nicht allzu viele Gedanken zu machen. Wie oft macht man sich mit der Sorge um seine Dogge nicht verrückt, die ja sehr anfällig für alles mögliche ist.

 

 

Montag, 14. Oktober 2002

 

Endlich kann ich mit Benjamin zu unserer Tierärztin fahren. Gegen halb zehn treffen wir in der Tierklinik ein. Es sind nur drei Leute vor uns. Prima, ich bin froh darum, denn Benjamin hat nach all den Untersuchungen, die er in den letzten Monaten mitgemacht hat, solche Angst beim Tierarzt, dass er nur mehr ein zitterndes, aufgeregt hechelndes Bündel Elend ist. Das ist ein Umstand, der das Warten nicht leichter macht, den Gang ins Sprechzimmer schon gar nicht, denn da weigert er sich ersteinmal immer beharrlich, auch nur einen Schritt zu tun.

Wir sind an der Reihe. Schon beim Erzählen dessen, was geschehen ist und wie sich alles so darstellt die letzte Zeit, wird meine Tierärztin von Satz zu Satz ernster. Gross rumüberlegt wird nicht, es hilft nur eines, das Bein muss geröntgt werden. Oh je! Irgendwie schaffen wir es, Benjamin dazu zu überreden, noch auf seinen eigenen vier Beinen ohne grossen Aufstand in das Röntgenzimmer zu gehen. Dort klappt dann alles besser als erwartet. Wir hieven ihn mit den Vorderbeinen auf den Tisch – hier erweisst sich die Grösse einer Dogge durchaus als Vorteilhaft. Nach zwei Minuten in der dunklen Kammer ist es geschafft. Wir sind einige Schweisstropfen und Benjamin um einige Nerven ärmer, aber um zwei Röntgenbilder reicher. 

Die Auswertung: Erkennbar ist, oberhalb des Wurzelgelenkes, ein Schatten, ca. 1 cm. Dieser Schatten, so erklärt mir die Tierärztin, könne durchaus bedeuten, dass der Knochen in einem Umbildungsprozess befindlich ist, wie er bspw. beim Heilen einer Mikroverletzung vorkommt. Allerdings müsse sie auch ein Osteosarkom in Betracht ziehen, damit verständlich werde, wie sie differenzieren müsse. Osteosarkom: Krebs ! Das schiesst mir nur so durch den Kopf.

Ruhe bewahren, sage ich mir und lasse mir das weitere Vorgehen erklären. Wir werden jetzt zwei Wochen lang ein Antibiotikum verabreichen sowie einen Entzündungshemmer/Schmerzmittel. Nach Ablauf dieser „Frist“ werden wir erneut röntgen. Im Falle einer Mikroverletzung müsste nach Ablauf der zwei Wochen eine deutliche Besserung auf dem Röntgenbild zu sehen sein.

Einigermaßen geschockt – mir gefällt die ungewohnt ernste Miene meiner Tierärztin gar nicht – geht’s nach Hause..

 

In den nächsten Tagen suche ich wie besessen Informationen zum Thema „Osteosarkom beim  Hund“ und muss feststellen, dass, egal was ich finde, alles auf die gleiche niederschmetternde Aussage hinausläuft: sehr akuter, schneller Verlauf, keine Heilungschance, nur die Hoffnung, einigermaßen gut Schmerztherapie betreiben zu können. Ich sage mir immer wieder, dass wir ja noch keine Diagnose haben, und hoffe, dass die Stunden, die ich im Internet mit Recherche verbringe, sich letztlich als vergeudete Zeit herausstellen. Ich hoffe es um unseretwillen. Aber ich werde doch jeden Tag ein bisschen unsicherer, denn Benjamin läuft sehr schonend, trotz Schmerzmittel, und der „Beule“ scheint man beim Wachsen zugucken zu können. Ach was, ich sehe schon Gespenster! Damit hole ich mich, wenn Panik aufzukommen droht, immer wieder zurück auf den Boden.

 

In der Zeit bin ich völlig hin- und hergerissen: einerseits sehne ich den Tag in zwei Wochen herbei, an dem erneut geröntgt wird, andererseits wünsche ich mir, dass die Zeit stehen bleibt, der Termin also nicht näherrückt.

 

 

Montag, 28. Oktober 2002

 

Um halb elf Uhr am Morgen sind wir in der Tierklinik. Benjamin ist wie immer völlig überdreht, und man sieht ihm an, dass er am liebsten die erstbeste Gelegenheit zur Flucht nutzen würde, wenn er nur könnte. In einer etwas ruhigeren Ecke des Wartezimmers ist aber auch das zu bewerkstelligen, zumal ihm seine Irina eine gewisse Portion Sicherheit gibt. Es ist schon faszinierend zu sehen, welche innige Gemeinschaft solch ein Rudel bildet.

An die Blicke der Menschen werde ich mich nie gewöhnen, immer noch kann ich mich darüber amüsieren, welche Wechsel sich in den Gesichtern der Leute abspielen, wenn sie um die Ecke kommen, und die beiden Doggen sehen. Und dann meist auch noch eine, die in ihrer ganzen Pracht auf meinem Schoß sitzt.

Drei Leute sind noch vor uns, also geht es relativ schnell und wir müssen nicht allzu lange warten.

Die letzte Frau vor mir kommt völlig verstört und tränenüberströmt mit ihrem Bobtail aus dem Sprechzimmer und geht ganz starr schnurstracks zur Tür hinaus.. In dem Moment schießt mir nur durch den Kopf: „Du bist die nächste, die so hier rausgehen wird.“ Warum, weiß ich nicht, aber irgend etwas sagt mir, dass es so ist.

Wir sind dran.

Kurzer Bericht, Begutachtung des Beines durch die Tierärztin und ihre Miene spricht Bände, so dass mir die Diagnose, noch bevor das zweite Röntgenbild überhaupt gemacht ist, im Grunde schon klar ist. Die Tierärztin möchte angesichts der Tatsache, dass sie sich ihrer Diagnose ziemlich sicher ist, mit dem Röntgen noch weitere zwei Wochen abwarten.

Nein. Jetzt sind wir hier, und wenn es so sein soll, dann ändert das Röntgen erst in zwei Wochen auch nichts daran, aber ich möchte wissen, woran ich bin.

Also ab ins Röntgenzimmer. Das geht sogar erstaunlich gut, Benjamin hat wohl kapituliert und folgt mir blind.

Vorderbeine auf den Tisch, Licht aus, überschwängliches Lob für den braven Bub, dann ist es auch schon erledigt.

Allerdings hat Benjamin während der sechzig Sekunden auch etwas erledigt – vor lauter Angst: er hat nämlich alles unter sich laufen lassen, wie mir beim Anblick meines völlig durchnässten Hosenbeines erst im Licht klar wird. In dem Moment beschließe ich endgültig: es wird , wie auch immer, mit Benjoe keine vermeidbaren Tierarztbesuche mehr geben, keine Experimente, keine weiteren Tests oder gar Therapieversuche für etwas, was nicht zu therapieren ist.

 

Zwei Minuten später sind die Bilder fertig. Selbst für mich als Laien ist er unübersehbar: der Tumor im Knochen. Er ist noch da und nicht nur das, er ist deutlich vergrößert. Auch der Knoten nach außen ist jetzt auf dem Röntgenbild klar zu erkennen.

 

Blick von der Tierärztin zum Röntgenbild, dann zu Benjamin, der völlig ruhig neben mir liegt, und dann zu mir. Und mir schießen die Tränen aus den Augen, ich kann sie nicht halten, so sehr mir das auch unangenehm ist. Schließlich war ich doch darauf gefasst, oder etwa nicht? Aber jetzt hier zu stehen, es schwarz auf weiß vor Augen zu haben, das ist der blanke Horror.

„Die Zeit des Handelns und Ausprobierens ist jetzt vorbei, Frau B.“, sagt meine Tierärztin zu mir. „Jetzt ist es Zeit, Abschied zu nehmen von Benjamin und ihm die Zeit, so gut es geht, noch lebenswert und schön zu machen.“

Aufrichtig und völlig offen erklärt sie mir, welche Ansätze zur „Behandlung“ denkbar wären, verschweigt aber nicht, dass es kein Aufhalten gibt, höchstens einen kleinen Aufschub, von dem niemand wisse, ob es ihn überhaupt wirklich gibt, und wenn ja, um welche Zeitspanne es sich handeln könnte.

 

Ich habe mich in den letzten zwei Wochen soviel mit dem Thema beschäftigt, dass alles, was sie mir erklärt, nichts Neues mehr ist. Und ich habe für uns beschlossen: Wenn es schon sein muss, dann ohne Stress und Quälerei für meinen geliebten Hund. Jeder Tierarztbesuch ist für Benjamin der blanke Horror, danach ist er jedes Mal für Stunden völlig durch den Wind, selbst wenn es nur um eine harmlose Untersuchung ging. Wie das ausschauen mag, wenn er, wie z.b. bei einer Chemotherapie, für sechs, acht Stunden in der Praxis an einem Tropf hängen müßte etc., das kann man sich unschwer vorstellen. Nein, das will ich nicht. Ich hätte das Gefühl, ihm damit seine Würde zu nehmen.

Also dann: Sehen wir den Tatsachen ins Auge, denke ich noch so bei mir, bevor ich die Praxis verlasse, mich ins Auto setze und dort erst einmal hemmungslos weinen muss. Mein armer Hund bekam da sicher einen fast noch größeren Schreck als beim Tierarzt. Ich konnte nicht anders. So lange versucht man sich zusammenzureißen. Ich hatte so gehofft, unbewusst vielleicht, dass sich das alles ganz harmlos erklären lassen würde und jetzt das! Ein Verdacht ist immer noch die Chance auf Korrektur. Jetzt gab es diese Chance nicht mehr. Benjamin wird sterben... das hämmert mir auf dem Heimweg immer wieder durch den Kopf und jedes Mal zerreißt es mich innerlich fast dabei. Ich weiß, dass es nichts nützt und keiner etwas davon hat, aber ich bin im Augenblick erst einmal ziemlich am Ende. Ich will nur nach Hause, in Sicherheit – so kommt es mir vor..

 

Zu Hause Anruf beim Partner. Auf dessen Frage „Was sagt der Tierarzt?“ kann ich erst einmal nur schluchzen, was mir einen dicken Rüffel in Richtung „Nun reiß dich mal zusammen!“ einbringt. Dann bleibt ja nur zu sagen, was Fakt ist: Benjamin hat ein Osteosarkom oberhalb des linken vorderen Karpalgelenks. Alles weitere wissen wir von unseren bisherigen Recherchen zur Genüge.

 

 

Dienstag, 29. Oktober 2002

 

Ende letzter Woche hatte ich Kontakt mit einer Frau aufgenommen, Bettina, die einen fünfjährigen gelben Doggenrüden mit der gleichen Diagnose hat. Ich wollte einfach nur wissen, wie die Symptomatik bei ihm aussieht, wie sie z. Zt. evtl. behandelt usw. und ob sie sozusagen Informationen aus erster Hand hat.

Über sie habe ich dann auch mehr über homoöpathische Mittel erfahren, die bei ihrem B. offenbar recht gut angesprochen haben. Immerhin leben die beiden jetzt seit gut drei Monaten mit der Diagnose. B. ist zwar auch „tagesformabhängig“, aber den Umständen entsprechend scheint es ihm, den Gesprächen nach, recht gut zu gehen.

Ich befasse mich mehr mit dem Thema und beschließe, nach Rücksprache mit der Tierärztin, es zumindest mit den homöopathischen Mitteln zu versuchen. Was haben wir denn zu verlieren ? Nichts.

Also Kontaktaufnahme mit einer Tierheilpraktikerin und ausführlichste Schilderung von Benjamin mit all seinen Eigenarten und Charakteristika sowie einer umfassenden Beschreibung des Krankheitsbildes der letzten Monate bis hin zur jetzt gestellten Diagnose.

Am nächsten Tag schon habe ich von ihr einen Therapieplan mit diversen Mitteln und mache mich daran, die Präparate über die Apotheke zu bestellen.

24 Stunden später können die Sachen abgeholt werden.

 

 

Mittwoch, 30. Oktober 2002

 

Die homöopathischen Mittel sind angekommen und sofort bekommt Benjamin seinen ersten „Cocktail“. Auf den ersten Blick wirkt es mehr als erschreckend, wenn man sich daran macht, so eine Ration zusammenzustellen. Es kostet mich- zugegeben - beim ersten Mal schon Überwindung, ihm so mir nichts dir nichts um die 9 Tabletten auf einmal zu geben. Dazu kommen noch je 15 Globuli eines Gewebemittels und 15 Globuli Stoffwechselmittel sowie eine Ampulle Calculi. Weiterhin bekommt er dreimal am Tag Horvi C33 + Serpalgin +Crotalus in Tropfenform. Und das jeweils drei bzw. einige Präparate auch fünf Mal täglich.

Am Küchenschrank hängt ein großer Spickzettel, denn merken kann sich das auf Anhieb kein Mensch.

Die Rimadyl-Schmerztabletten gebe ich ihm aber an diesem ersten Tag noch in voller Dosis weiter.

 

Im Laufe der Woche stelle ich mit ziemlicher Verblüffung fest, dass Benjamin wieder sehr viel agiler wirkt. Statt im schleppenden Gang beim Spaziergang läuft er auch mal wieder in lockerem Trab vorweg, sogar unser Lieblingskommando „langsam!“ muss ich wieder gebrauchen. Wie schön, dass ich das wieder durch den Wald rufen darf.

Zwar grübele ich immer noch über Sinn oder nicht Sinn der Homöopathie nach, andererseits weiß Benjamin ja nicht, was er da bekommt, und so ist auf jeden Fall schon mal der Placeboeffekt auszuschließen. Inzwischen hat er sogar schon zwei Tage ganz ohne Rimadyl hinter sich, ohne dass es zu Ausfällen gekommen ist. Das stimmt doch wenigstens ein bisschen optimistisch.

 

Bei meiner weiteren Suche nach Informationen bin ich dann auf eine Tierklinik im Taunus gestossen, deren Leiter Onkologe ist. Ich packte die Gelegenheit beim Schopfe und habe Dr. Kessler einfach einmal angemailt und nachgehakt, inwieweit ich mich nun mit der reinen Schmerzmittelgabe (wie angedacht von meiner Tierärztin) abfinden muss. Prompt die Antwort:

Sehr geehrte Frau B.,

 

es gibt durchaus Therapieoptionen für Ihren Hund. Das Problem ist, daß dieser Tumor lokal knochenzerstörend und sehr schmerzhaft ist (daher die Lahmheit), aber auch eine hohe Metastasierungsneigung aufweist.

Es gibt die Möglichkeit:

1) eine Schmerzbestrahlung durchzuführen, diese ermöglicht ein lahmheits- und schmerzfreies Leben auf 4 Füßen für einen Zeitraum von 4-8 Monaten.

2) eine Tumorresektion (i.d.R. durch Amputation) mit anschließender medikamentöser Therapie durchzuführen. Überlebenszeiten: mehr als 50% der Hunde leben länger als 1 Jahr, mehr als 35% leben länger als 2 Jahre (allerdings auf 3 Beinen, was jedoch in aller Regel kein Problem darstellt).“

 

Weiterhin der Rat, ich möge in der Klinik einen Termin vereinbaren, da sie eine Tierärztin im Hause hätten, die sich speziell mit Osteosarkomen befasst.

 

Nun gut, ich bin realistisch genug, um Punkt 2 des Schreibens gleich abzuhaken. Eine Amputation bei einer Dogge mit knapp 70 kg Gewicht ? Nicht wirklich vorstellbar.

 

Dagegen klingt die Schmerzstrahltherapie ganz interessant, und ich möchte auf jeden Fall mehr darüber erfahren. Außerdem will ich Benjamin sowieso noch einem zweiten Tierarzt vorstellen, warum also dann nicht gleich bei dieser Fachfrau?

Anruf in Hofheim, Terminvereinbarung für den darauffolgenden Mittwoch, 6.November 2002.
Dass ich noch meinen Chef überzeugen muss, unbedingt an diesem Tag meinen freien Tag zu nehmen, ist zweitrangig. Das wird schon klappen.
Benjamin geht es recht gut, und leider äußert sich das oft auch so, dass er ziemlich unvermittelt im Wald davonschießt in wildem Galopp oder Irina zum Spielen animiert, was die sich, angesichts der kurzen Spaziergänge der letzten Zeit, nicht zweimal sagen läßt.

Mir läuft es dabei jedes Mal, trotz leiser Freude, ihn so munter zu sehen, eiskalt den Rücken hinunter. Wie schnell kann er sich ernsthaft verletzen ! Die Stabilität des Knochens ist durch den Tumor ja bei weitem nicht mehr so gegeben wie bei einem gesunden Bein.

Also unterbreche ich solche Anwandlungen immer so schnell es möglich ist.

 

 

Mittwoch, 6. November 2002

 

11.30 Uhr Termin in der Tierklinik Dr. Kessler (Onkologe) in Hofheim. Nach gut eineinhalb Stunden Fahrt landen wir mit einem ziemlich überdrehten Benjamin an Bord endlich in Hofheim. Röntgenbilder abgeben, und warten, was kommt.

Dr. Kandel, die sich in der Tierklinik hauptsächlich mit Osteosarkomen befasst, begutachtet die Röntgenbilder und Benjamin und läßt sich die Entwicklung und Diagnosestellung schildern und bestätigt nach all dem die Diagnose nochmals.

Anschließend erklärt sie uns die Möglichkeit und den Ablauf einer sog. Schmerzbestrahlung, die auch in der Tierklinik in Hofheim möglich ist und durchgeführt wird. Dabei wird die vom Tumor befallene Stelle mit einer Kobaltbestrahlung behandelt. Normal sind drei Bestrahlungen im Abstand von jeweils sieben Tagen unter Vollnarkose. Dabei wird bei 75 – 90 % der behandelten Patienten eine deutliche Schmerzreduzierung oder sogar Schmerzabschaltung für einen Zeitraum von ca. 4 bis 6 Monaten erreicht. Auswirkungen auf das Wachstum des Tumors hat diese Bestrahlung aber nicht. Das hieße bei uns konkret: Es besteht zwar die Möglichkeit, dass Benjamin relativ schmerzfrei laufen kann, aber der Knubbel an seinem Bein würde ungestört weiter wachsen. Dieser Knubbel hat in den letzten zwei Wochen bereits erschreckend an Umfang zugenommen und ich fürchte, dass diesem Wachstum auch relativ schnell ein physisches Ende gesetzt ist. Die Dehnbarkeit des darüberliegenden Gewebes ist nun mal nicht unbegrenzt. Fr. Dr. Kandel erläutert uns zwar, dass dieser Punkt nicht so stark gewichtet werden darf, da man als Laie dazu neigt, das überzubewerten, und dieser Vorgang gar nicht so verläuft, wie man sich das vorstellt, aber trotzdem...

Die ganz allgemeine Prognose, die sie stellt, ist genauso schlecht wie die vorherige. Sie setzt mit ihrer Erklärung vielleicht dahingehend noch eins drauf, dass der reinen Schmerzbehandlung mit Mitteln wie z.B. Rimadyl recht schnell ein Ende beschert ist. Erfahrungsgemäß ist innerhalb ganz kurzer Zeit ab einem gewissen Stadium des Krebses ein Punkt erreicht, an dem diese Mittel auch in hoher Dosierung den Schmerz nicht mehr lindern können. Da wir zu diesem Zeitpunkt glauben, noch ganz gut ohne „Kobaltbombe“ auszukommen, vereinbaren wir mit ihr, dass sie uns zwar vormerkt für eine etwaige Bestrahlung, wir diese aber nicht in den nächsten Tagen durchführen möchten. Zumal Benjamin zu jeder Bestrahlung in Vollnarkose muss und wir darüber noch nachdenken möchten.

 

Wir berichten Fr. Kandel auch von der Unterstützung mit Homöopathie, die wir begonnen haben, wie sie sich bisher auswirkt und worauf diese Mittel beruhen. Sie ist durchaus sehr aufgeschlossen und möchte gerne mehr dazu erfahren. Gerne sage ich ihr zu, sie diesbezüglich weiter auf dem Laufenden zu halten.

 

Die darauffolgende Woche verbringen wir, bis auf ein oder zwei Tage, eigentlich recht gut. Das Rimadyl konnte ich fast völlig weglassen, und Benjamin scheint sich ganz gut zu fühlen. Dass unsere Spaziergänge nicht mehr so weit und lange sind wie bisher, daran müssen wir uns alle gewöhnen, aber das ist kein Problem. So geht es jetzt halt öfter, dafür aber kürzer in Feld und Wald. Er bewegt sich vorsichtig, aber durchaus locker vorausgehend. Nur Spielen mit Irina lasse ich nicht mehr zu, so sehr es auch freut, dass er überhaupt in der Laune dazu ist.

 

Um den 14./15. November 2002 beginnt es schlechter zu werden. Morgens nach dem Aufstehen belastet er das kranke Bein gar nicht und steht schwankend und wankend vor seinem Trinknapf. So geht das nicht, also beginne ich, ihm wieder Rimadyl zu geben. Erst mal fünf Tabletten. Als das nicht ausreicht, müssen noch zwei drauf. Ich bin entsetzt. Trotz dieser recht hohen Dosis ist kaum eine Besserung feststellbar. Benjoe liegt am liebsten auf der Couch. Jede überflüssige Bewegung wird vermieden.

Der nächste Tag ist dann wieder ein wenig besser, ich habe ihm allerdings schon gleich nach dem Aufstehen 7 Rimadyl gegeben und der darauffolgende 15minütige Spaziergang im Wald verläuft so lala. Er läuft langsam, vorsichtig, schnappt sich aber doch ein Stöckchen und schleppt seine „Beute“ ein ganzes Stück voller Stolz durch die Gegend.

 

Trotzdem: Benjamin hat sich verändert, sucht die Nähe, wo es nur geht, und ist sehr viel ruhiger geworden. Und der Knubbel wächst und wächst und wächst.

Ich merke, dass ich immer stärker teils von Resignation, teils von Panik erfasst werde. Das kann es doch nicht gewesen sein ?

 

 

 

Zwischenzeitlich habe ich auch Bettina und B. persönlich kennengelernt. Da wir nur knapp 100 km voneinander entfernt wohnen, hat sie mich eines Tages besucht.

B. hat eine Beule am Bein, gegen die jene von Benjamin ein Waisenkind ist. Nichtsdestotrotz ist er noch recht agil und munter.

Am Abend, als ich mir B. Profil so betrachte, fällt mir auf, dass er und Benjoe sich sehr ähnlich sehen. Es fällt mir wie Schuppen von den Augen, wusste ich doch, aus welchem Zwinger B. stammt,  und ich bitte Bettina, einmal in der Ahnentafel nach gemeinsamen Vorfahren zu forschen.

 

In der Nacht noch bekomme ich eine Email, die mir bestätigt, was ich vermutet hatte: Benjoe und B. haben, obgleich sie aus unterschiedlichen Zuchten kommen, den gleichen Hund als Groß- bzw. Urgroßvater..

 

Als Bettina dann von einem weiteren gelben Doggenrüden erzählt, ebenfalls fünf Jahre alt, ebenfalls Osteosarkom am linken Vorderlauf, bitte ich sie, die Besitzerin nach der Abstammung dieser Dogge zu fragen.

Und: Auch er hat den gleichen Hund als direkten Vorfahren.

Drei Hunde, drei Zuchten, ein gleicher Vorfahre, alle drei fünf Jahre alt, Farbschlag gelb/gestromt, alle drei Osteosarkom im Vorderfusswurzelgelenk... Zufall ???

Wenn man sich mit Studien aus den USA zu diesem Thema befasst, kommen Zweifel auf. Dort geht man davon aus, dass es eine genetische Veranlagung für diese Krankheit gibt, und rät, wenn es bekannt ist, solche Hunde aus der Zucht zu nehmen.

 

Eine Bestätigung hierfür zu erhalten, wäre utopisch. Ich befasse mich aber ein wenig mit diesem Thema, unabhängig davon, dass Gross-und Riesenrassen nun einmal anfällig für Osteosarkome sind, und beiße auf Granit.

Was ich unter der Hand erfahre, läßt mir schlecht werden. Es gab auch in deutschen Zuchten wohl schon Fälle, dass bekanntermaßen an Osteosarkom erkrankte Doggen noch zum Decken eingesetzt wurden. Im europäischen Ausland soll es sogar Fälle geben, in denen wegen Osteosarkom amputierte Doggen noch belegt worden sind und Würfe ausgetragen haben!!!!!!!!

Außer einem ohnmächtigen Zorn bringt mir all das aber nichts ein, und Benjoe, B. und allen anderen ist damit ja auch nicht geholfen.

 

 

Montag, 18.November 2002

 

Heute war es ganz schlimm. Kaum einen Schritt getan, hebt Benjamin trotz Rimadyl, die er nun wieder regelmäßig bekommt, das linke Bein an und belastet nicht mehr .Dazu sein Gesichtsausdruck, der Bände spricht.

Am Nachmittag bei einem kurzen Ausflug auf die Wiese ist nach zehn Metern Schluss. Er legt sich hin und guckt mich nur an. Mir ist zum Heulen zumute und das tue ich auch, ziemlich ungebremst. Was da in einem vorgeht, kann man nicht beschreiben. Reichlich fertig mit der Welt machen wir uns nach einer Weile auf den Weg nach Hause.

Am Abend steht Benjamin ziemlich desinteressiert und mit offensichtlich großen Schmerzen vor seinem Futternapf—und rührt das Futter nicht an. Ich könnte verzweifeln! Nach vielem Hin und Her und noch mehr schmackhaft machen mittels Leberwurst ringt er sich dann doch durch und leert seine Schüssel. Ich bin erst einmal ein wenig erleichtert. Dann geht es ab aufs Sofa, wo er sich langlegt und tief und fest schläft. Man sieht ihm an, wie anstrengend alles für ihn war heute. Irgendwann fängt er leise an zu miefern und mich zerreißt es fast dabei. Sollen wir wirklich schon so nahe an dem Punkt sein, wo ich mich mit der Überlegung befassen muss, wie lange geht das noch gut? Oder habe ich den Punkt vielleicht schon überschritten? Das kann doch nicht sein. Nein, so einfach geht es nun auch nicht, ein bisschen Kampfbereitschaft haben wir doch noch.

 

Wir beschließen, am nächsten Tag Dr. Hoffmann anzurufen, der Benjamin kennt, und ihn um Rat zu fragen.

Und sei es nur, um ein effizienteres Medikament zur Schmerzlinderung zu bekommen.

 

 

Dienstag, 19. November 2002

 

Anruf bei Dr. Hoffmann, der leider nicht mehr in unserer Nähe praktiziert, aber telefonisch für uns glücklicherweise erreichbar ist. Kurze Schilderung der letzten Wochen. Er bittet um Zusendung der Röntgenbilder, um sich selbst ein Bild vom Befall und der Lage des Osteosarkoms machen zu können, und verspricht, sich nach Begutachtung der Bilder direkt bei mir zu melden.

Kein Problem. Am gleichen Nachmittag gebe ich die Röntgenbilder per Express zur Post, so dass sicher ist, dass sie am nächsten Tag bei ihm auf dem Tisch liegen.

 

Der Tag ist ansonsten nicht so schlecht wie der Montag zuvor, Benjamin scheint etwas fitter zu sein. Am späten Nachmittag nehme ich mir das Massband zur Hand und messe den Umfang des Knubbels einmal aus: 23,5 cm im Umfang ! Das gesunde Bein misst an dieser Stelle gerade einmal 19,5 cm. Ich bin einigermaßen geschockt.

Trotzdem verläuft auch der Spaziergang recht gut, er startet mir sogar einmal zu einem kurzen Spurt durch. Riesenschreck bei mir und Wut auf mich selber, weil ich die Sekunde verpasst habe, um ihn davon abzuhalten. Er lässt sich jedoch schnell unterbrechen und kommt sogar noch ganz ordentlich wieder zu mir zurück. Wenigstens kein Ablegen, weil der Schmerz so groß ist, dass keine Bewegung mehr möglich ist.

 

 

Mittwoch, 20. November 2002

 

Nach wie vor recherchiere ich natürlich Informationen im Internet und warte gespannt auf einen Anruf von Dr. Hoffmann, der die Bilder bis spätestens 14 Uhr erhalten haben sollte.

Weiterhin haben wir mit Professor Koch (Tierklinik Birkenfeld) gesprochen, und dieser möchte Benjamin gerne persönlich sehen, um sich selbst ein Bild machen und ihn einem Kollegen vorstellen zu können. Also haben wir nun für morgen noch einen Termin in Birkenfeld.

Benjamin geht es recht gut, zwar ist er für seine Verhältnisse recht ruhig, aber er jagt mir keinen solchen Schreck mehr ein wie zwei Tage zuvor, als er nicht fressen wollte. Scheinbar schlägt im Augenblick das Rimadyl doch etwas an. Er lahmt zwar leicht, aber schont das Bein nicht dauerhaft durch Anheben..

Den ganzen Tag über und am frühen Abend aber kein Anruf von Dr. Hoffmann.

 

Um 22.30 Uhr klingelt dann das Telefon – ich glaube es kaum, Dr. Hoffmann meldet sich doch noch. Er bestätigt nach Begutachtung der Röntgenbilder die Diagnose, weist aber darauf hin, dass es in Zürich die Möglichkeit einer effizienten Bestrahlung gibt, welche das Tumorwachstum nachweislich stoppe oder sehr stark verlangsame. Zürich ist neben Paris die einzige Einrichtung in Europa, die solch eine Behandlung vornimmt, und dabei auch sehr erfolgreich mit Spezialisten aus der Humanmedizin unter Einbeziehung der hochpräzisen Apparate aus dem Humanbereich zusammenarbeitet. Er rät uns, darüber nachzudenken, und wenn wir bestrahlen möchten, dies dann nur in Zürich vornehmen zu lassen.

Ich will mit diesen Informationen im Hinterkopf eine Nacht darüber schlafen und den morgigen Termin in Birkenfeld abwarten. Außerdem möchte ich versuchen, mehr über diese Bestrahlungen und deren Ablauf herauszufinden.

 

 

Donnerstag, 21. November 2002

 

Termin in Birkenfeld bei Professor Koch.

Im Gepäck einen hibbeligen Hund und eine gute Portion Resignation. Warten wir ab, was Dr. Salomon (der französische Chirurg) und Professor Koch persönlich zu Benjamin sagen.

Nach Begutachtung und Vorabgespräch über den bisherigen Verlauf wird noch einmal ein Röntgenbild von Bens linkem Vorderlauf gemacht. (Unser gestromter Bube machte das ganz Klasse und ließ sich ohne Wenn und Aber auf den Tisch hieven – super gemacht, der Große!)

 

Was ich auf dem Röntgenbild sehe, ist zwar nichts Neues, aber doch mehr als nur ernüchternd. Kein Zweifel, der Tumor ist da, definitiv ein Osteosarkom und noch dazu in erschreckendem Maße Knochenzubildung erkennbar (der Knubbel nach außen).

Prognose: im derzeitigen Zustand ziemlich schlecht. Professor Koch gibt uns, bei reiner Schmerzmittelgabe, noch ca. zwei, wenn es ganz gut geht vielleicht drei bis maximal vier Wochen, bis wir nicht mehr in der Lage sein werden, für Benjamin die Schmerzen zu lindern.

Auch die Bestrahlungstherapie ist seiner Meinung und Erfahrung nach eher kritisch zu bewerten, da es wohl eine Verlängerung der Lebenszeit bedeutet, aber letzlich kaum Auswirkungen auf die Schmerzen haben wird. Klartext: länger leben ja, aber mit dem gleichen Schmerz.

Das Thema Amputation kommt auf. Ein Thema, mit dem ich mich nie ernsthaft auseinandergesetzt habe, weil es einerseits sehr schwer  ist, sich Benjamin auf drei Beinen vorzustellen, andererseits zwei Tierärzte dies kategorisch und mit einer Entschiedenheit abgelehnt haben, die so schnell kam, dass man als Laie kaum dagegen angeht. Durch meine Recherchen hatte ich erfahren, dass die Thematik wohl eher ein Mentalitäts- als ein medizinisches Problem oder ein langwieriges Problem für den Hund darstellt. In den USA geht man mit diesem Thema auch bei großrassigen Hunden offenbar wesentlich aufgeschlossener um als in Europa oder speziell in Deutschland.

Professor Koch erklärte haarklein, was bei einem solchen Eingriff wie gemacht wird, und vertrat auch die Auffassung, dass der Eingriff oft weniger für den Hund als für den Halter ein Problem darstellt. Grundvoraussetzung wäre allerdings, dass das Osteosarkom noch keine Metastasen gestreut hat. Diese treten als allererstes in der Lunge auf, und leider sei diese Krebsart eine von denen, die am häufigsten und schnellsten metastasieren.

Würde ein solcher Eingriff vorgenommen, dann würde das Bein mitsamt Schulterblatt entfernt, so dass kein „Stumpf“ zurückbleibt. Durch diesen radikal scheinenden Vorgang wird auch die Gefahr von sog. Phantomschmerzen erheblich reduziert.

Die Hunde selber kämen innerhalb erstaunlich kurzer Zeit mit den verbleibenden drei Beinen sehr gut klar und hätten nach allen Erfahrungswerten uneingeschränkte Lebensqualität und vor allem: Schmerzfreiheit.

 

Im Grunde gibt es nur zwei Möglichkeiten: nichts tun, außer weiterhin zu medikamentieren und den Schmerz zu lindern, was ja immer schlechter gelingt, oder eben den Kampf aufzunehmen und operieren. Mit anderen Worten: wir können in zwei oder drei Wochen hier wieder stehen und Benjamin wird eingeschläfert – einfach weil dem Schmerz kein Einhalt zu gebieten ist. Oder aber man operiert und, vorausgesetzt es läuft komplikationslos, er erholt sich von dem Eingriff, lernt mit drei Beinen umzugehen und hat die Chance, schmerzfrei weiterzuleben. Wie schon erwähnt, dies ist nur dann wirklich eine Chance, wenn keine Metastasen vorhanden sind. Bevor wir das nicht wissen, haben wir keine wirkliche Gesprächs- und Entscheidungsgrundlage.

 

Wir beschließen, da es sich hier anbietet, Benjamins Lunge röntgen zu lassen. Dann wissen wir wenigstens, ob wir uns mit der Thematik Amputation überhaupt auseinandersetzen können oder nicht.

Die Braunüle wird gelegt, Blut zur Laborauswertung entnommen, Urin genommen. Dann bekommt er eine leichte Narkose zum Röntgen.

 

Eine Stunde später sind alle Bilder gemacht, und, so wie es aussieht, sind keine Metastasen erkennbar. Aber, und das muss man bedenken, in einem sehr frühen Stadium sind eventuelle Metastasierungen auf einem Röntgenbild auch nicht sicher zu erkennen. Fazit: die Blut-und Urinwerte sind ohne Befund, und röntgenologisch sieht es so aus, als ob keine Metastasen vorhanden seien.

Damit bestünde rein theoretisch die Möglichkeit, eine Amputation in Betracht zu ziehen. Professor Koch erklärt uns einige Details einer solchen Operation. Meine Bedenken, ob und wie der Hund damit zurecht käme, werden durch seine Ausführungen über die allgemeinen Erfahrungen mit solchen Eingriffen beim Hund etwas weniger, verschwinden aber nicht ganz.

Ich habe mein Versprechen an Benjamin , dass er in Ruhe sterben darf, wenn es sein muss, nicht vergessen. Die Würde und seinen Stolz wollte und will ich ihm nicht nehmen. Andererseits spüre ich schon eine gewisse Hoffnung. Was, wenn es klappen könnte ? Müssen wir ihm nicht diese Chance geben? Ist es überhaupt eine Chance, oder ist es von unserer Seite aus ein verzweifeltes Klammern an ihn, mit dem wir letztlich Benjamin keinen Gefallen tun? Chance oder Qual? Fragen über Fragen, die sich jetzt und hier in der Tierklinik nicht beantworten lassen und auf die wir sicher auch nicht in ein oder zwei Stunden eine Antwort finden werden.

 

Jetzt heißt es erst einmal warten, bis Benjamin soweit wieder wach ist, dass wir nach gut drei Stunden in der Klinik endlich nach Hause fahren können. Ben braucht relativ lange, bis er wieder zu sich kommt, und er wimmert leise vor sich hin. Er weiss gar nicht , was los ist..

Endlich sitzt er wieder im Auto und wir können, müde, geschafft und schwankend zwischen Verzweiflung und Hoffnung, nach Hause fahren. Professor Koch verabschiedet uns mit den Worten: „ich wünsche Ihnen viel Glück und Mut bei Ihrer Entscheidungsfindung, und egal, in welche Richtung diese ausfallen wird, ich respektiere sie.“

 

Das fand ich persönlich sehr gut, dass hier keine Manipulation in eine bestimmte Richtung versucht wurde, denn rein medizinisch betrachtet ist eine solche OP sicher für einen Facharzt eine Herausforderung, der er nicht täglich begegnet.

 

Die Heimfahrt verbringe ich hinten im Auto bei den Hunden: Irina, die geduldig und mit ihrer ruhigen Art die Stunden in der Tierklinik mit uns verbracht hat, und Benjamin, der leise wimmernd sich langsam von der Narkose erholt und eigentlich gar nicht bei sich ist.

 

Viel miteinander sprechen können mein Partner und ich an diesem Abend nicht mehr, dazu ist zu viel auf uns eingestürmt und jeder versucht, das irgendwie für sich ein bisschen zu verarbeiten. Innerlich irgendwie leer und ausgebrannt, so fühle ich mich.. und ziemlich verzweifelt!

 

Jeden Tag muss der Mensch Entscheidungen treffen, aber diese hier, die stellt mich vor eine, so scheint es mir, schier unmöglich zu bewältigende Aufgabe...

 

 

Freitag, 22. November 2002

 

In der Nacht noch habe ich zwei Berichte im Internet gefunden, die über den Verlauf einer Vorderlaufamputation bei deutschen Doggen informierten.

Ich bin einerseits fasziniert von den durchaus optimistisch stimmenden Schilderungen, wie schnell und unproblematisch die Hunde sich jeweils von dem Eingriff erholt und ein weitgehend „unbeeinträchtigtes“ Leben auf drei Beinen führten, andererseits bin ich erschrocken darüber, dass beide Hunde innerhalb von sechs, bzw. neun Monaten nach der Amputation verstarben. Die Metastasen waren, trotz hochwertiger Chemotherapeutika, schneller.

Ich rotiere innerlich, denke nach, grübele, liege bei meinem Hund und........ heule. Und der gute Kerl hat nichts Besseres zu tun, als mir mit Engelsgeduld immer wieder das Gesicht abzulecken und sich umso fester an mich zu kuscheln. Verdammt, es tut einfach nur weh.

Am Nachmittag diesen Tages fällt mein Entschluss: nein, keine Amputation. Es bleibt dabei. Es wäre nur ein frommer Selbstbetrug - zu Lasten von Benjoe.

 

Das Wochenende verläuft gut, sehr gut sogar. Benjamin ist recht agil, ja, sogar teilweise übermütig. Meine für das Abendessen vorgekochten Nudeln konnte er sich jedenfalls ohne Anstrengung vom Tisch räubern. Also, tief im Innern hat er sich kein bisschen verändert, der Schlawiner. Mit einem breiten Grinsen wische ich die Schweinerei weg und mache mich zwei Stunden später auf zu einem kurzen Spaziergang.

Oh Wunder, wir sind fast dreissig Minuten locker unterwegs und mein „Stromer“ läuft munter vorweg. Nur die Spieleskapaden, zu denen er aufgelegt ist, die muss ich energisch unterbinden. Es gefällt ihm zwar nicht, aber er hält sich daran.

Zurück nach Hause, eine gute Mahlzeit und zufrieden zum Schläfchen auf das Sofa gekringelt. Dort schnarcht Benjoe dann die nächsten drei Stunden nach Herzenslust. Und ich freue mich an seinem „Gesäge“ von ganzem Herzen.

 

Weiter geht es mit der Infosuche im Internet, die aber allmählich nicht mehr soviel Neues zu Tage fördert. Aber es treibt mich weiter.

 

 

Samstag, 23.November 2002

 

Spätnachmittag: wieder auf zur großen Wiese. Auto auf, Benjamin raus, nach zehn Metern (die er ohne Schonen locker lief) legt sich mein Hund mitten in eine eiskalte Pfütze und schaut mich nur an. An ein Aufstehen ist nicht zu denken. Also zurück zum Auto, eine Decke geholt und den zitternden Buben erstmal zugedeckt. Ich setze mich daneben.... und heule wieder einmal. Wer jetzt des Weges käme, der dächte sicher nicht zu Unrecht: „Die hat sie nicht mehr alle!“ Das ist mir egal, mir ist alles egal! Außer Ben gut zureden und betteln, er möge doch bitte aus dieser Sch.......pfütze aufstehen, kann ich nicht viel tun. Benjoe liegt IN einer Pfütze, er, der jeden Wassertropfen scheute, wie der Teufel das Weihwasser.. Wir sind beide fertig mit der Welt.

Nach zehn Minuten mache ich mich auf den Weg, um das nicht weit entfernt stehende Auto zu holen. Benjamin schreit mir regelrecht hinterher, kratzt alle Reserven zusammen und kommt mir auf unsicheren Beinen nach. Ich fühle mich besch....... :welch ein Vertrauen hat dieser Hund? Lieber quält er sich auf und folgt mir, als allein zurückzubleiben!

Zu Hause angekommen sind alle fix und alle, ich, und die Hunde.

So kann es nicht weitergehen......

 

Das Wochenende verstreicht, irgendwie. Notizen machte ich keine, ich wollte die Zeit für uns haben.

Ich beschließe, direkt Montag früh um acht Uhr in Zürich anzurufen und mich über die Strahlentherapie zu informieren, die von Dr. Hofmann so gelobt wurde.

 

 

Montag, 25. November 2002

 

Mein freier Tag, dem Himmel sei Dank

 

Nach zwei (!!!) Stunden herumtelefonieren lande ich endlich in Zürich bei der zuständigen Ärztin, die mir „ihr“ Verfahren erläutert.

Tja, das war wohl nichts. Es stellt sich heraus: es handelt sich um exakt die gleiche Vorgehensweise, wie sie uns in Hofheim von Dr. Kandel geschildert wurde.

Warum also nach Zürich fahren, wenn es in Hofheim (sind ja „nur“ eineinhalb Stunden Fahrt) auch machbar ist

Nächster Anruf in Hofheim. Gespräch mit Frau Dr. Kandel. Und ein bitterböses Erwachen: ja, ich kann einen Termin haben, sogar den allerersten, den die Klinik vergeben wird. Nur: man bestrahlt zur Zeit in Hofheim noch gar nicht, sondern wartet noch auf die Zulassung seitens der Behörden. Voraussichtlicher Beginn: erste Januarwoche des kommenden Jahres, evtl. eine Woche früher. Prima: bis dahin schaffen wir es garantiert nicht mehr!  Ich bin geschockt. Das Gespräch ist erst einmal gelaufen. Wieso erfahre ich das erst jetzt ?????  Wusste man das wenige Wochen vorher noch nicht???? Ich schwanke zwischen totaler Resignation und Wut.

Da fällt mir ein, dass man mir in Hofheim erklärt hatte, diese Methode würde im Rahmen einer Studie in Zusammenarbeit mit der Tierärztlichen Hochschule in Leipzig durchgeführt. Hm...... wenn Hofheim mit Leipzig zusammenarbeitet, dann bestrahlt man in Leipzig vielleicht schon länger?

 

Anruf in der Tierklinik der Hochschule Leipzig. Ich bearbeitete die Dame an der Zentrale erfolgreich so lange, bis sie mir eine zuständige Ärztin aus einem OP holt ( Anmerkung: die dort zu kastrierende Katze hat den Eingriff gut überstanden ).

Wieder das bekannte Prozedere: Erklären, worum es geht, und dringlich darauf hinweisen, dass ich alles habe, nur nicht mehr viel Zeit.

 

Frage also direkt nach der Möglichkeit der Bestrahlung. Und mir wird bestätigt, dass man in Leipzig diese Methode schon relativ lange anwende. Die Quoten decken sich mit den Informationen aus Hofheim (wen wundert‘s).

Allerdings macht mich die Ärztin noch darauf aufmerksam, dass man derzeit in Leipzig, im Rahmen eines Forschungsprojektes schon längere Zeit auch eine OP-Methode anwende.

Ich horche auf und lasse mir das näher lassen .

Man praktiziert in Leipzig die sogenannte „intraoperative excorporale Bestrahlung mit anschliessender Re-implantation“.

Für den Laien: das befallene Knochenstück wird in einer OP entfernt, in die Humanmedizinische Abteilung überführt und dort hochdosisbestrahlt. Da ja nur der „nackte“ Knochen bzw. Tumor bestrahlt wird und keinerlei Weichteilgewebe geschädigt werden kann, erreicht man durch diese Bestrahlung eine totale Abtötung der Tumorzellen im Knochen.

Nach dieser Bestrahlung wird der Knochen wieder re-implantiert und mittels Fixationsplatten

im Bein fixiert, genau wie bei einem Beinbruch auch. Das ganze Prozedere der Bestrahlung dauert inkl. Transportwege ca. 25 Minuten. In dieser Zeit verbleibt der Hund in Vollnarkose, bis der Knochen wieder reimplantiert ist. Im Anschluss an die OP muss dann aber (wie bei allen anderen Methoden auch!) eine Chemotherapie erfolgen. Nun gut, dessen bin ich mir durchaus bewusst. Und wenigstens sind sich hier alle Tierärzte ausnahmsweise einmal dahingehend einig, dass die Chemotherapie von den Hunden im allgemeinen sehr gut vertragen wird, diese also das geringste Problem sein wird. Und das unabhängig davon, ob mit amputiertem oder operiertem Bein.

 

Das scheint mir in dem Augenblick eine gar nicht einmal so unlogische Vorgehensweise zu sein. Ich erfrage die Möglichkeit eines Termins zur Vorstellung, da ohne den Hund gesehen zu haben,keine Schlussfolgerung möglich ist. Ich frage auch, ob wir für diese Methode überhaupt in Frage kommen.

Die Ärztin verspricht, mit der zuständigen Professorin zu sprechen und mich am gleichen Abend noch zurückzurufen.

 

Ein neuer Strohhalm....

Auch hier gilt: höchstwahrscheinlich würde Benjamin zwischen sechs Monaten und ein bis eineinhalb Jahren zu leben haben, soweit man das abschätzen kann, aber er hätte diese Zeit auf VIER Beinen.

 

Benjamin juckt das alles nicht. Während ich mit Leipzig telefoniere, sitzt er fröhlich grunzend auf meinem Schoss und lässt sich den Hals kraulen. Nein, aufgegeben habe ich ihn noch nicht!

 

Mehr Informationen müssen her! Also Anruf in Birkenfeld: Schilderung des eben gehörten und Bitte um Stellungnahme. Nun, die bekomme ich auch: Professor Koch ist nicht eben begeistert und weist erneut auf die Amputation hin. Aber er rät mir auch nicht rundweg davon ab. Nur solle ich mir im Klaren sein, wenn ich diesen Weg ginge, dass es quasi ein „Experiment“ sei, das auch schiefgehen kann. Dieses Experimentalcharakters und des Risikos werde ich mir mehr und mehr bewusst. Dennoch kann ich mich aber mit dieser Methode durchaus anfreunden, was mir mit der Amputation bis heute noch nicht gelungen ist.

 

Nächster Anruf. Dr. Hofmann. Schildern der Sachlage. Seine Meinung: klingt durchaus vielversprechend. Er verweist im Erfolgsfall auf die Chance für Benjamin, auf vier Beinen weiterleben zu können. 

Persönliche Frage von mir an ihn, ob er diesen Eingriff bei seinem eigenen Hund auch vornehmen lassen würde? Seine prompte Antwort ohne zu zögern: sofort!

 

Hm....

 

Nach dem Mittagsspaziergang besprechen mein Partner und ich zu Hause die Ergebnisse meiner Recherchen vom Vormittag und kommen zu dem Schluss: wenn Leipzig die OP wagt, dann machen wir es!

 

Jetzt heißt es, auf den Anruf aus Leipzig warten.

 

Ben ist guter Dinge, er frisst ordentlich, zerlegt mir beim Spiel mit seiner heißgeliebten Beiß-Maus das halbe Wohnzimmer und macht mich mit seiner aktuellen Lebenslust eigentlich ein gutes Stück froher, als es gut ist. Nur nicht dran denken, dass ich ihn verliere. Dann ist der Kloß im Hals, Kopf und vor allem im Herzen wieder dicke da. Verdammte Sch........

 

Um 23.30 Uhr endlich der erwartete Anruf aus Leipzig  Ich könnte die Frau umarmen. Wen interessiert es schon, wie spät es ist ! Mich nicht!

 

Sie hat Positives zu berichten: die leitende Professorin möchte Benjamin sehen und dann vor Ort entscheiden. Und es muss jetzt möglichst schnell gehen.

Also greife ich direkt zu, als man mir einen Termin für den darauffolgenden Dienstag, den 3. Dezember 2002 vorschlägt.

 

Ich habe keine Ahnung, ob ich überhaupt gerade mal einfach so Urlaub bekomme. Aber das wird sich hoffentlich schon machen lassen.

xxx

So froh ich  bin, so viel Angst habe ich auch....... was mache ich hier eigentlich ? Fahre ich meinen geduldigen Benjoe zum Sterben nach Leipzig? Oder gebe ich ihm eine realistische Chance`? Bin ich überhaupt fair ihm gegenüber? Oder einfach nur bodenlos egoistisch? Antworten finde ich keine, jedenfalls keine befriedigenden....... Das einzige, was wirklich sicher ist, ist die Tatsache, dass , wenn ich nicht fahre, in zwei Wochen mein Hund garantiert nicht mehr bei uns sein wird....... Fahre ich, haben wir zumindest eine kleine Chance......

 

 

Dienstag, 26. November 2002

 

Nach einer mehr oder weniger schlaflosen, aber warmen Nacht, in der Benjamin (was selten vorkam) keinen cm von meiner Seite im Bett wich, gehts ans Organisieren.

Punkt eins auf einer ganzen Liste: klären, ob ich , wenns sein muss auch unbezahlten, Urlaub kriege.

Ein sehr guter Freund, der zwar selber kein Hundebesitzer ist, mich aber wenigstens als einer der ganz ganz wenigen nicht für Irrenhausreif hält, rät mir, mit offenen Karten zu spielen. Sicher hat er recht. Also ans Werk, und einfach eine ganz offene eMail an den Chef mit der Bitte um unbezahlten Urlaub für ein, bei Überstehen der OP auch zwei Wochen Urlaub.

 

Ich habe mehr Glück als Verstand, und schon nach fünfzehn Minuten kommt das erlösende OK.. das regeln wir schon.. Zitat „fahr erstmal und übersteht die OP, über die zweite Woche reden wir, wenn das überstanden ist“... Mir fällt ein erster Stein vom Herzen.

 

Punkt zwei: Anruf in der Tierklinik Birkenfeld und Bitte um Herausgabe der Röntgenbilder der Lunge und den Laborberichten der anderen Untersuchungen. „Kein Problem, machen wir fertig und sie können sie abholen“, ist die Antwort. Am nächsten Tag um 17 Uhr kann ich die Sachen abholen, und soll mich bei Prof. Koch melden, da dieser noch gerne mit mir sprechen möchte .... Da ich selbst noch einige Fragen haben, ist das ganz sicher kein Problem.

 

Noch von der Arbeit aus suche ich eine geeignete Pension in Leipzig, die sowohl bezahlbar ist, als auch mit meinen beiden Reisebegleitern Benjamin und Irina kein  Problem hat. Letzteres stellt sich als schwieriger heraus, lässt sich aber lösen, und angesichts der Umstände bekomme ich einen kleinen Anbau der Pension ganz für uns alleine und das noch 3 Eur. Unter dem üblichen Tagespreis.......

 

Bisher klappt also alles, ist es ein gutes Vorzeichen ? Ich weiss es nicht... habe im Grunde genommen von Stunde zu Stunde mehr Angst, aber die, die wissen um was es geht, reden gut zu.. na ja, sehr viele sind das nicht.....

Und selbst von einem Beziehungspartner, selbst Hundefanatiker, darf „Frau“ in dem Moment wohl nicht mehr als Fakten , Fakten, Fakten erwarten.. Nur keine Emotionen zeigen, das krieg ich immer wieder zu hören... Verdammt nochmal, ICH lebe mit Benjamin zusammen, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche und da muss ich mir von einem Wochenendbesucher vorhalten lassen, es beträfe ja schliesslich nicht nur mich, und ihc solle mich zusammenreissen ? wieviel denn noch, bitteschön ???? 

Manch anderer hat mir Eiseskälte vorgehalten in dieser Zeit.. Und ausgerechnet dort, wo ich denke man darf sich mal ausheulen kommt dann sowas ? Ich versteh die Welt nicht mehr, vielleicht habe ich ja wirklich schon einen Dachschaden....... ???

Aber um nicht ungerecht zu sein, muss ich so fair sein und zugeben, dass die letzten Wochen extrem nervenaufreibend waren und ein Ende ist nicht in Sicht...

 

Nach Feierabend ab nach Hause, so schnell es geht, meine Hundis warten schliesslich......

Benjamin grunzt sich wie immer glücklich, und wird toll vor Freude, endlich das Rudel wieder komplett...... In seiner Lebenslust ist er bislang wirklich ungebrochen und die homöopathischen Mittel scheinen durchaus ihre Daseinsberechtigung zu haben.

Seit längerem kommen wir mit wenigstens max. 3 Rimadyl am Tag aus, was ich als gutes Zeichen werte, immerhin stand die Dosis auch schon bei 7 !!!

 

Mein Benjoe ist mir mit all seiner Mimik, Verhalten und Bewegungen so vertraut wie nur irgendwas, und noch bevor ein Schonen offensichtlich wird, sieht man ihm den Schmerz im Gesicht an... und derzeit ist er sehr entspannt... Unsere täglichen Spaziergänge liegen nun konstant bei vier bis fünfmal täglich zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Minuten, je nach Tagesform eben und damit kommen wir gut klar..

Wenn das Wetter es zulässt, fahre ich auch manchmal nur auf die grosse Wiese, lasse die Hunde schnuppern nach ihrer Fasson und setze mich auf einer Decke dazu...  Nur den beiden zuschauen und Ruhe geniessen...

Verrückt ? Vielleicht, ab und zu brauche ich das, auch wenn es manchmal schwerfällt, gerade an Plätzen, wo sich Erinnerungen an Bens wilde Bocksprünge, wilde Jagden und Beutefangen einmischen..

Aber noch steht er hochaufgerichtet in Ausstellungspose vor mir und freut sich seines Lebens, hat mir sogar gestern eine Maus angeschleppt, die er, der Himmel weiss wie !, aufgegabelt hatte... Die Maus entfloh unversehrt aber dafür klitschnass seinen durchaus geräumigen Lefzen....... Mit ein bisschen Phantasie konnte man Ben ob meines ungläubigen Blicks fast grinsen sehen...... so ein Held.....

 

 

Mittwoch, 27. November 2002

 

Exakt vier Wochen nach der niederschmetternden Diagnose. In jedem Moment kann ich mir das ohnmächtige Gefühl in der Tierklinik an diesem Tag wieder hervorrufen, bzw. Es überfällt mich einfach ungefragt...

 

Benjamin geht es heute nicht sooooooo gut..... aufstehen kostete ihn heute morgen einige Überwindung, so dass wir in der früh nur schnell im Garten waren, das allernötigste erledigen. Meinem Vermieter sei Dank, er hat, sofern alles beseitigt wird, angesichts der Situtation nichts dagegen...

Gefressen hat er zwar, aber eher unlustig, da half alle Leberwurst nichts.. Nun gut, muss ja nicht, im Grunde ist es angesichts der bevorstehenden OP ganz gut, wenn er ein bis zwei Kilogramm Gewicht reduziert... Aber optimistisch stimmt mich mein heute ziemlich niedergedrückter Benni nicht gerade...

Am Nachmittag schaut die Welt dann plötzlich wieder anders aus.. Mit Müh und Not kann ich ihn davon abhalten, im Wald einem Kaninchen nachzustellen...... Einigermassen schwach vor Erleichterung registriere ich, dass der kurze Spurt auf dem relativ harten Boden offenbar keinen Schaden angerichtet hat, ja , er humpelt noch nichteinmal, als er zu mir zurückkommt....

 

Die Nachmittagsmahlzeit wird mit dem üblichen Appetit vertilgt und anschliessend, in der Hoffnung auf Nachschub, noch kräftig mit dem Napf geklappert..... 

 

Ich fahre nach Birkenfeld, um die Unterlagen in Empfang zu nehmen und Prof. Koch zu treffen...

 

Das Gespräch mit Prof. Koch überrascht mich... Er nimmt sich sehr viel Zeit, um nochmals alle Möglichkeiten an- und durchzusprechen, schonungslos und ehrlich, steht mir geduldig Rede und Antwort.

Nochmals der Hinweis, dass es sich bei dieser OP um einen Eingriff im Rahmen einer Studie handelt und somit einem Experiment gleichzusetzen sei, dessen Ausgang ungewiss ist..

Das ist mir inzwischen völlig klar, aber ich möchte es wagen, und Prof Koch sichert mir seine volle Unterstützung wie auch die postoperative Betreuung, falls alles gutgeht, zu..

Als er erfährt, wer die OP in Leipzig vornehmen wird, ist er erleichtert, er kennt Prof. Grevel schon sehr lange und ist von ihrer Kompetenz und Umsicht überzeugt. Vor allem steht sie seiner Meinung nach für einen umsichtigen Umgang mit dem Tier, ist jemand, der nicht auf biegen und brechen etwas tut, nur um der Forschung zu dienen. Das beruhigt auch mich doch etwas, muss ich gestehen.

Mit der Bitte, ihn bei auftretenden Fragen, die sich für mich in Leipzig ergeben könnten , ihn direkt anzurufen, und das bitte auch privat, lässt er mich dann fahren.. Ein ganzes Bündel guter Wünsche im Gepäck noch dazu...

Mit dem Wissen, in ihm einen kompetenten Fachmann im „Hintergrund „ zu wissen, bin ich doch sehr beruhigt, wer weiss, was sich in Leipzig nach der ersten Voruntersuchung ergeben wird ?

 

 

Donnerstag, 28. November 2002

 

An Benjamins Zustand von gestern Nachmittag hat sich gottlob nichts verändert, er ist entspannt und relativ agil...

 

Jetzt muss weiter organisiert werden.. Was tun mit meinem Sohn, der ja zur Schule muss???

Nach einigem Nachdenken wird der Stier bei den Hörnern gepackt und meine Mutter angerufen... Über Bens Krankheit weiss sie Bescheid, über das, was ich vorhabe, noch nicht und ich bin nicht schlüssig, ob sie bereit ist, für meinen „Wahnsinn“ eine Woche oder länger jeden Morgen zwanzig Kilometer zu fahren, um meinen Sohnemann zur Schule zu bringen... Ok, ohne Anruf werde ich es nie erfahren... Kurze Erklärung, dann die Zusage: „natürlich geht das..“

Gottlob keine Moralpredigt, keine Versuche, mir irgendetwas auszureden...

Zwar denke ich, dass sie innerlich schon den Kopf schüttelt, aber sie akzeptiert die Entscheidung zumindest..

Wieder einen Schritt näher an Leipzig, wenn auch nur indirekt....

 

Die Checkliste auf dem Schreibtisch weist immer mehr abgehakte Punkte auf, und mit jedem Häkchen das gesetzt wird, gehen wir einen Schritt weiter auf den Termin zu..

 

Benjamins Zustand hält sich stabil. Und ich beobachte ihn kritisch, denn davon hängt es ab, ob wir überhaupt fahren können, oder doch noch alles zusammenbricht und ich meine Haustierärztin zum Hausbesuch „bitten“ muss...

 

Bei der Vorstellung, mindestens eine Woche mit den Hunden allein in Leipzig auf mich allein gestellt zu sein, wird mir etwas flau im Magen, aber nun bin ich soweit gekommen, also ist das auch noch zu schaffen.. .Vielleicht ist es sogar, angesichts der dünnen Nervenkostüme, besser so... es wurde soviel diskutiert und auch gestritten in den letzten Wochen, dass ich diese Situation in Leipzig schon gleich gar nicht gebrauchen kann..

Ich habe sehr viel mit Betty telefoniert in den letzten Wochen, die letzten paar Tage sogar täglich, auch ihrem B. geht es nicht sonderlich gut, dennoch machen diese Gespräche mir Mut und ich bin froh, dass ich mit ihr reden kann und sie mir den Rücken stärkt...

 

Freitag, 29.November 2002

 

Letzter Arbeitstag der Woche und vor unserer Abreise am Montag nach Leipzig. Ich werde schon Montag Vormittag losfahren, um in aller Ruhe ankommen, in die Pension gehen und mich orientieren zu können.

Auch für Benjamin ist es so besser, verkraftet er Stress generell schlecht und weiss vor Aufregung an fremden Orten meist für Stunden gar nicht recht, wohin mit sich.. Einschliesslich aller Begleiterscheinungen, wie totale Unruhe, übermässiges Sabbern, Übersprung....... so kann er sich in Ruhe in der Pension umsehen und wir können stressfrei Dienstag früh in die Klinik fahren..

Der Termin ist für Dienstag, 3.November auf acht Uhr morgens angesetzt..

 

Das Wochenende wird ein besonderes und seltsames sein, das ist sicher... Zum einen packt mich zeitweise innerlich die blanke Panik, zum anderen wird mein Partner Benjamin zum vorerst letzten Mal erleben.... Ich lasse den beiden die Zeit miteinander, schliesslich hängt er auch sehr an Benjoe und weiss, dass es absolut ungewiss ist, ob es eine Rückkehr gibt...

 

 

Sonntag, 1. Dezember 2002

 

Am Vormittag packe ich das Köfferchen für meinen Sohn um ihn zu meiner Mutter zu bringen. Er ist sieben , weiss, dass Benjamin sehr krank ist, und ich mit ihm zu einer Klinik fahren möchte, wo ihm vielleicht geholfen werden kann.. Und obwohl Tim mich nie hat weinen sehen, das passierte heimlich, abends, wenn ich mit Ben alleine war, hat er mehr erkannt, als mir klar war..

Kurz bevor wir fahren, geht er nochmal zu Benjoe, zu „unserem guten“, wie er ihn immer nennt, knuddelt ihn richtig durch, lässt sich mit Genuss von der Dogge abschlecken und meint leise „ Mama fährt mir dir zum Doktor, und wenn ihr wiederkommt, dann tut dein Bein nicht mehr weh, und Mama weint nicht mehr abends... Und wenn Du nicht mehr wiederkommst, dann wartest du an der Regenbogenbrücke auf uns...“

Mich hat es förmlich zerrissen.......

 

Als ich zurückkomme, hagelt es erstmal Vorwürfe, was ich denn wohl dem Kind erzählt hätte, solch „dramatischer Abschied“ hätte doch nicht sein muessen und so weiter und so fort... Meine Erklärung, dass ich eben nichts erzählt hätte, jedenfalls nicht so, wie es angesichts von Tims Ansprache an Benjoe , scheinen muss, fruchtet nichts....

Na prima...... Anlehnungsbedürftig wäre ich zur Ausnahme auch einmal, und was passiert?

Wir streiten...... oder vielmehr: einer redet, einer schweigt und schluckt still für sich.....

 

Am liebsten würde ich aufgeben.... aber so kurz vorher ? nein, das dann doch auch wieder nicht.....

 

 

Montag, 2. Dezember 2002

 

Acht Uhr früh, aufstehen... Die gepackten Sachen ins Auto, eine weitere Decke über die dicke Schaumstoffmatratze der Hunde gepackt, letzte Erledigungen machen...

 

Gegen halb zehn sitze ich mit zwei satten, zufriedenen Hunden im Auto.. Noch ein kurzer Halt bei unserer Haustierärztin, um noch die Dosis Rimadyl abzuholen, die ich für heute und morgen brauche, und dann können wir los...

 

Am Feldweg noch ein kurzer Gang , zehn Minuten etwa... mein Kloss im Hals immer dicker..... Ich kriege den Gedanken nicht aus dem Kopf „Junge, dein letzter Spaziergang zu Hause...“ zwar versuche ich energisch, mir das aus dem Kopf zu schlagen, aber ohne sonderlich viel Erfolg.... Benjoe allerdings juckt das wenig, er wird sogar übermütig... er gibt sich nicht nur mit dem grossen Stück Fleischwurst zufrieden, in das ich die Rimadyl verpackt habe, sondern klaut mir bei einem kurzen Halt zum Öl auffüllen auch gleich noch den Rest aus dem Proviantkorb..... Benjoe wie ich ihn kenne , ein Schmunzeln kann ich mir nicht verkneifen...

 

Um halb elf fahren wir auf die Autobahn..... Die Reise geht los..... mit jedem Kilometer wird es mir aber auch ein bisschen leichter, schliesslich haben wir ja durchaus eine chance, sonst hätten wir den Termin erst gar nicht bekommen... nur zum Spass lässt auch die Tierklinik Leipzig niemanden über 500 km einfache Strecke fahren....

 

Die Hunde liegen seelig schlummernd auf ihrem Luxuslager in meinem zum „Hundekinderwagen“ umfunktionierten PKW , dessen  Rücksitz schon lange im Keller vor sich hin gammelt und von mir zum Zweisitzer umfunktioniert wurde......

 

Auf den fast sechs Stunden Fahrt hänge ich meinen Gedanken nach...... vor sechs Wochen hätte ich mir all das nicht träumen lassen.. und jetzt ? Jetzt reissen wir hier mehr als fünfhundert Kilometer ab, für einen Funken Hoffnung und ich hadere mit mir, ob ich nun mein Versprechen, das ich Benjoe gab, breche oder nicht....... Eine klare Antwort finde ich nicht, immer ist ein Wenn oder Aber dabei....... es hilft alles nichts, wir sind unterwegs, nun gehen wir auch keinen Schritt mehr zurück, denn der Schritt zurück ist der sichere Tod, und das innerhalb vier bis fünf Tagen, so die Prognose im Augenblick...

 

Sechseinhalb Stunden später und gut 570 km von zu Hause weg sind wir erstmal am Ziel, das heisst: fast am Ziel.. Jetzt gilt es, den kleinen Ort ausserhalb Leipzig finden, wo wir einquartiert sind, und das stellt sich als schwieriger heraus, als gedacht... Ich komme mir vor, wie in einer anderen Welt.... die Strassenverhältnisse ähneln teilweise schlechten Feldwegen, und von einer durchgehenden Strassenbeleuchtung in den kleinen Ortschaften ausserhalb der grossen Städte ist meist nichts zu stehen..

Wir tappen im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln und erst nach drei Anrufen per Handy und lotsen durch die Pensionswirtin finde ich überhaupt die Einfahrt zu deren Haus....... Das fängt ja gut an......

 

Das Zimmer, oder „Appartement“ liegt in einem seperaten Anbau, ist winzig klein, aber dennoch gemütlich und wir sind froh, erstmal aus dem Auto zu kommen.... Die Hundematratzen auf den Boden gelegt und erstmal ausruhen...

Dann noch mit dem Stadtplan zu den Wirtsleuten, ich muss wissen, wie ich am nächsten Morgen möglichst schnell zur Tierklinik komme.. Netterweise zeichnet mir der Wirt die Route auf dem Stadplan akribisch ein, dazu eine wortreiche Erklärung, es muss also zu finden sein, denke ich mir so.

 

Schnell noch in den örtlichen „Konsum“ (der heisst auch heute noch so!), und was zu essen und trinken eingekauft, mit den Hunden eine Runde in dem kleinen Schlosspark gegenüber, der sehr morbide anmutet, angesichts der zerfallenden Pracht des Schlösschens und der Tatsache, dass es hier absolut nicht eine einzige Strassenlaterne gibt, dann gehts ins Bett...

 

Ein kurzes Telefonat nach Hause, mir gehts, wenn ich ehrlich bin, beschissen und ich habe einfach nur Angst vor dem , was kommt...... Benjoe kriecht zu mir ins Bett und ich lasse ihn, wenngleich ein Erwachsener und eine 70-kg Dogge auf 90 * 200cm ganz sicher nicht von Schlafkomfort sprechen können.. Ich will ihn bei mir haben, anfassen können, atmen hören und spüren... Irina geniesst den Luxus, die Hundematratze ganz für sich allein zu haben und schnarcht uns die ganze Nacht die Ohren voll...

 

 

Dienstag, 3. Dezember 2002

 

Halb sechs Uhr morgens....... den Wecker habe ich nicht gebraucht, ich habe eh kein Auge zugetan.. auf gehts.... eine Tasse Kaffee gebraut, und auf den Weg zum Auto.... Na prima: es hat gefroren in der Nacht und mein Auto ist von einer dicken Eisschicht überzogen.. Ganz so reibungslos sollen wir wohl doch nicht in die Klinik kommen, das schwant mir bereits , als ich anfange, das Auto abzukratzen....

Mit den Hunden noch eine Runde zum lösen, dann machen wir uns gegen halb sieben auf den Weg...

 

Gegen sieben Uhr erreichen wir das Stadgebiet Leipzig und das Chaos beginnt... Die so akribisch eingezeichnete Route kann ich getrost vergessen, denn an jeder Ecke ist eine Baustelle samt zugehöriger Umleitung und so ist es eine Frage von zehn Minuten, bis wir uns total verfranzt haben..

 

Nachfrage an der nächsten Tankstelle „wo gehts bitte zur Tierklinik?“, die erschöpfende Auskunft: ein Schulterzucken und ein gebrummtes „keene Ahnung junge Frau“..... ich fange an zu kochen, kann mich aber noch zurückhalten, mich für die Auskunft „freundlich“ zu bedanken.....

 

Halb acht..... wir suchen und suchen und kein Ende in Sicht......

Zwanzig vor acht: Anruf in der Klinik: „acht Uhr schaffe ich nicht, ich versuche, schnellstens anzukommen, aber bitte bitte den Termin nicht platzen lassen“...... Das wird mir zugesichert, und nach weiteren 35 Minuten Fahrt durch den morgendlichen Berufsverkehrt und quer durch die ganze Stadt sind wir endlich da...

 

Kurze Orientierung, na dann los....... Wir werden erwartet... drei Tierärzte stehen schon da, und warten auf uns, unter anderem die Ärztin, die mit mir Telefoniert hat. Über den groben Ablauf des folgenden wurde ich ja vorher schon soweit aufgeklärt.. Untersuchung von Ben, Begutachten der mitgebrachten Röntgenbilder, dann soll noch eine Biopsie des Tumors und eine Computertomographie zum Ausschluss etwaiger Metastasierungen gemacht werden.

Das heisst für mich: nach Abschluss der allgemeinen Untersuchung und warten bis Ben in Vollnarkose liegt für die CT, ersteinmal mit Irina alleine wieder die Klinik verlassen... Man verspricht mir, dass sich Prof. Dr. Grevel umgehend bei mir melden wird, wenn die Ergebnisse vorliegen und alles weitere mit mir besprechen wird.....

 

Der Tag zieht sich wie Gummi... am frühen Nachmittag rufe ich in der Klinik an.. ich möchte wenigstens wissen, ob mein Bub die Narkose gut überstanden hat.. Alles in Ordnung.. Zusage, man würde sich telefonisch melden, wann ich Benjoe abholen und mit Prof. Grevel sprechen könnte...

 

Ich fühle mich beschissen und auch Irina tappst verloren neben mir her, so gehen wir wenigstens mal ein wenig in die Stadt und schauen uns um..... allerdings ertrage ihc den ganzen vorweihnachtlichen Schnickschnack auch nicht sonderlich gut und nachdem ich, ich gestehe, ein kleines Kerzchen in der Nikolaikirche angesteckt habe, fahren wir wieder zur Klinik... Hier werde ich warten, und sonst nirgends.....

 

Die Klinik ist geschlossen, klar, es ist fast sechs Uhr abends... Also drehe ich mit Irina meine Runden auf dem Gelände und warte darauf, dass mein Handy klingelt..... Das tut es dann auch endlich gegen sieben Uhr abends ... Fünf Minuten später öffnet man mir die Kliniktür und bittet mich herein..

 

Frau Prof. Grevel kommt und zeigt mir alle gemachten Aufnahmen. Auch auf dem CT sind derzeit keine Anzeichen für eine Metastasierung erkennbar....... Aber: angesichts des enormen Umfangs der Zuwachsbildung am Tumor, ist sie sich nicht sicher, ob noch genügend intakte Knochenhaut zur Verfügung steht, um die künstliche Bruchstelle, die bei der OP erzeugt wird, wieder damit zu überziehen..

Das lässt sich aber mit 100%iger Sicherheit erst während der OP am offenen Bein feststellen...

 

Mir wird die genaue Vorgehensweise nochmal genau erläutert und wir sprechen auch das Thema Amputation detailliert durch. Die Ärztin ist kein Freund davon, denn sie vertritt den Standpunkt, dass man,bei aller Liebe, auch Grenzen erkennen muss und soll.Sie würde es, auf meinen ausdrücklichen Wunsch zwar machen, aber sie rät nicht dazu...

 

Nach über einer Stunde die Übereinkunft dahingehend, dass sie versucht, schnellstmöglich alles zu veranlassen, und mir anderntags telefonisch den genauen Termin bekanntgibt. Bis dahin soll ich mir überlegen, wie wir weiter vorgehen, wenn sich das Osteosarkom in Benjamins Bein während der OP als inoperabel nach der geplanten Methode herausstellt.

Ich habe nur zwei Möglichkeiten: die Amputation, oder meinen geliebten Stromer dann endgültig loszulassen.......

 

Ich darf im Anschluss an das Gespräch Benjamin mit nach „Hause „ nehmen... Mein Bub liegt völlig verängstigt und allein im Aufwachraum und ist nicht zu bewegen, mit mir mitzukommen. Erst,als ich wieder weggehe und zur Tür raus verschwinde, rafft er sich auf und kommt mir schwanzwedelnd und vor Freude grunzend nach...... Guter Junge.... ich halte mich an seiner Leine fest,wie an einem Rettungsring und ziemlich fluchtartig verlassen wir die Klinik....... vorerst.......

 

Zurück in die Pension, etwas essen und........nachdenken...... allzugrosse Hoffnungen machte mir auch Prof. Grevel nicht, aber wenn gar keine Chance bestünde, würde sie mir keinen Termin geben.....

 

Ich rufe Prof. Koch an , ich muss mit jemandem reden..... er hört sich alle bisherigen Befunde und Ergebnisse in aller Ruhe an, erklärt, was mir unklar ist und bringt erstmal ein bisschen Ruhe in meinen Kopf...... Wir sind alle drei völlig geschafft, und so dauert es nicht lange, bis wir tief und fest schlafen.... dem Himmel sei Dank...

 

 

Mittwoch, 4. Dezember 2002

 

Wir haben alle drei erstmal gründlich ausgeschlafen und selbst gegen halb zehn braucht Benjamin doch etwas länger, ihm steckt sicher noch die Narkose von gestern in den Knochen...

Ansonsten aber ist er durchaus munter und hat sogar brav den Verband am Bein gelassen, dort, wo gestern die Knochenbiopsie gemacht wurde. Schmerzen hat er offensichtlich keine oder ganz wenige, denn er läuft ohne Schonen und versucht, die Katze der Wirtsleute aus dem Garten zu verscheuchen...

 

Nach dem Frühstück beschliesse ich, eine alte Freundin in der Umgebung von Leipzig zu besuchen, mit der ich schon länger leider keinen Kontakt mehr hatte, aber einen Versuch ist es wert. Nach Spaziergang und Futter für die Hunde machen wir uns auf den Weg....

 

Unterwegs denke ich weiter über meine „Wahlmöglichkeiten“ nach.. kein sehr erfreuliches Tun, denn mich packt bei der Vorstellung, Benjoe in Leipzig zu verlieren, das kalte Grausen... ich krame nochmals alle Für und Wider , alle Optionen , alles gehörte, gelesene , hinterfragte und besprochene der letzten wochen hervor und beschliesse: wenn inoperabel, dann lasse ich, wider meinem Ursprünglichen Gedanken, amputieren..

Wenn wir das schaffen, und heil nach Hause zurückkommen, muss man beobachten, wie es verläuft und dann neu entscheiden...

 

Noch bevor ich den kleinen Ort zw. Leipzig und Chemnitz erreiche, wo ich hinwollte, klingelt das Telefon: Prof. Grevel. Termin zur OP, Freitag 6. Dezember 2002 um halb acht Uhr morgens....

Sie bittet mich, Benjamin am Vorabend der OP, also morgen, bis spätestens 19 Uhr in die Klinik zu bringen, weil er die Nacht vor der Operation bereits Medikamente erhalten soll und unter ärztlicher Kontrolle bleiben soll...... Während sie mir das erklärt drückt sich von Hinten Bens grosser Kopf an meinen Nacken und schleckt mich ab und mein Kloss im Hals wird gross und immer grösser.....

 

Dann die erwartete und gefürchtete Frage: „was sollen wir tun, wenn sich in der OP zeigt, es hat mit dieser Reimplantation keinen Sinn........?“

 

Ich hole zweimal ganz tief Luft, schlucke den Kloss im Hals runter und schaffe es grade noch, mit halbwegs sicherer Stimme zu sagen „dann amputieren wir“, bevor ich das Gespräch schnell beenden muss, bevor Prof. Grevel mitbekommt, wie ich die Fassung verliere.. Ich habe Angst, weiss eigentlich nihct mehr, was richtig und was falsch ist und urplötzlich habe ich den fast übermächtigen Drang, jetzt und auf der Stelle nach Hause zu fahren und mich dort einzuigeln....

 

Fünf Minuten später wird mir klar, dass,wenn ich das mache, alles bisherige umsonst war, vielleicht eine Chance vertan ist..... trotzdem bin ich ziemlich durcheinander....

 

Der Besuch bei meiner Freundin platzt, sie ist nicht zu Hause (wen wunderts, sie konnte ja überhaupt gar nicht mit mir rechnen) und wir fahren wieder nach Leipzig zurück. Ich möchte mich im mollig warmen Pensionszimmer verkriechen und nachdenken...

 

Dort angekommen, rufe ich als erstes bei Prof. Koch an. Zum drittenmal, seit wir in Leipzig eingetroffen sind. Sein kühler Kopf tut mir gut.

Ich schildere das Gespräch, die Aussichten und verhehle auch nicht, dass ich momentan am Liebsten postwendend nach Hause zurückkehren würde... Er versteht das auch.. Rät mir weder ab noch zu, weist nur nochmal daraufhin, dass, wenn ich eine Amputation vornehmen möchte, er bereit ist, dies wenn nötig innerhalb von zwölf Stunden vorzubereiten.. Dass er aber auch bereit sei, ggf. Meine Entscheidung gegenüber Prof.Grevel zu vertreten, sollte ihc nach Hause fahren...

Zwar nimmt mir dieses Gespräch keine Entscheidung ab, aber es hilft mir, den Kopf wieder etwas klarer zu bekommen...

 

 

 

Donnerstag, 5.Dezember 2002

 

Der letzte Tag, den ich mit Benjamin vor ??? verbringen werde........ vor was ? Die Möglichkeiten sind doch sehr begrenzt....

 

Ich drehe mit den Hunden eine kleine Runde im gegenüberliegenden Schlosspark , der heute auch am Tag sehr seltsam wirkt, es ist kalt und so neblig, dass man kaum fünfzehn Meter weit sieht... Und trotzdem geniesse ich die Stimmung und freue mich an Benjamins aufgeregtem mal hier und mal da schnüffeln, an seinem freudigen Wedeln, wenn er zu mir kommt, seiner Zunge, die mir immer wieder mal die Hände oder auch das Gesicht abschleckt....

 

Den Nachmittag verbringe ich mit den Hunden auf der dicken Doggenmatratze im Zimmer, in jedem Arm einen Hund und die beiden geniessen das nicht weniger, als ich, das verrät schon das seelige Schnauben der zwei...

 

Kurz nach vier Uhr gehts in s Auto, noch schnell etwas zu essen einkaufen und ausserhalb des Ortes zum Feld..

 

Dort angekommen mache ich das Auto auf, Benjamin steigt aus, er hat mittlerweile ziemliches Geschick, sich auf drei Beinen auszubalancieren wenn er aussteigt, und wir drehen eine kleine Runde...

Bei jedem Ein –und Aussteigen von Benjoe schwitze ich im Innern Blut und Wasser, denn ein falscher oder unglücklicher Sprung kann uns einen pathologischen Bruch bescheren, und dann ist alles zu spät. Deshalb vermeide ich es wo es nur geht, solche Situationen herbeizuführen...

 

Zurück in der Pension verzieht sich Benjamin gleich aufs Bett, während ich das Futter für die beiden herrichte.... Kaum heisst es „Futter“, steht er auf und will zur Schuessel. Also runter vom Bett und...... mir läuft es eiskalt den Rücken runter, denn er schreit auf, legt sich auf den Fussboden und macht keine Anstalten mehr, aufzustehen.....

Nach einigem Überlegen, denn dort, wo er liegt, kann er nicht bleiben, nehme ich mir ein grosses Badelaken, falte es der Länge nach und ziehe es unter der Brust durch. So kann ich von hinten behutsam ziehen und ihm damit helfen, ohne das Vorderbein zu belasten, wieder aufzustehen.......

Benjamin lässt es klaglos zu, steht auf, leert seinen Napf und legt sich dann auf die Hundematratze.......

 

Die Zweifel, ob das alles richtig ist, kommen wieder hoch........ Ich beobachte Benjamin still und , wie ich hoffe, möglichst objektiv und sachlich....  nach einer Weile steht er auf und kommt erneut auf s Bett, wo er seinen weiteren Verdauungsschlaf hält..

 

Um kurz nach sechs Uhr abends muessen wir uns fertigmachen für die Fahrt zur Klinik....... Ich fühle mich, als ob ich Ben verraten und verkaufen würde, weiss aber andererseits, dass dem nicht so ist, nicht in diesem sinne.....

 

Bei meinem Griff zu seinem Halsband am Haken steht er vom Bett auf, bricht sich beim Wedeln vor Freude fast die Rute ab, kommt vom Bett herunter... und sackt zusammen......

Mir wird regelrecht schlecht vor Angst und Kummer....... Mit gutem Zureden, dass wir auf dem Weg sind dorthin, wo ihm hoffentlich geholfen werden kann und dem Handtuch von vorhin versuche ich, ihn wieder auf die Beine zu bekommen...... Benjamin arbeitet gegen mich...... Wo er vor kurzem noch den Kopf hob und mitarbeitete, als ich ihn von hinten mit dem Handtuch stütze, drückt er jetzt den Kopf flach auf den Boden und spannt sich an, so dass ich ihn kaum packe........ Der Blick geht mir durch und durch..... er will das nicht.. seine ganze Mimik und die Körperhaltung zeigen das nur zu deutlich........

 

In dem Moment denke ich: „nein, Du kannst und du wirst ihn nicht amputieren lassen..... stell dir vor, er erwacht morgen aus der Narkose und hat nur noch einen Vorderlauf...... die Situation wäre doch genau die gleiche...... aus eigener Kraft schafft er es dann nicht... und er resigniert.....!“

 

Nach zehn Minuten etwa hat sich Benjamin soweit gesammelt, dass er von selbst aufsteht und mit zum auto kommt.... das ist erstmal geschafft, aber ich habe ein verdammt ungutes Gefühl.......

 

In der Klinik angekommen, geht alles gut. Wir werden erwartet, und erstmal in ein Sprechzimmer geführt...... Prof. Grevel ist nicht da, dafür aber die junge Ärztin, mit der ich den ersten Kontakt hatte und die Benjoe am Dienstag während der Biopsie betreut hat.

Sie kommt mit unserer Akte und als sie diese auf den Tisch legt, sehe ich, dass mit dickem Filzer vorne draufsteht :“wenn inoperabel, dann Amputation !!!“........

Ich schaue von der Akte zu Benjoe, der kerzengerade vor mir sitzt und immer wieder nach mir pfötelt......  und kann nicht mehr.... Hemmungslos heulend erzähle ich von den Vorfällen am Nachmittag und bitte, diesen Vermerk zu streichen....... Nun steht da „wenn inoperabel, dann Euthanasie....“

Wer und wieviele da im Moment um mich rumstehen, ist mir herzlich schnuppe, ich hocke mich zu Ben auf den Boden, die Arme um den warmen Hals und heule nur noch...... Benjoe schleckt mir das Gesicht und drückt sich seltsam ruhig an mich. Und das er, der normalerweise angesichts einer Praxis und weissen Kitteln keine Sekunde Ruhe findet.......

 

Nachdem die Formalitäten erledigt sind, ich die nötigen Formulare unterschrieben und Bens Leine und Halsband gekennzeichnet habe, möchte mir die Ärztin die Leine aus der Hand nehmen und Benjamin in seine Box bringen....

Nein, so nicht......... Ich möchte mit, will sehen, wo und wie er untergebracht ist, noch eine halbe Stunde mit ihm verbringen.... Und das sage ich auch ! Die Ärztin wird unsicher, weil das eigentlich gegen jede Vorschrift ist.

Mein Argument, dass ich über 500 km gefahren bin, jede Menge mitgemacht habe bis hierher und nun nicht bereit bin, jetzt, wo ich Benjamin vielleicht zum letztenmal sehe, ihn hier im Sprechzimmer zurückzulassen, zieht....

Nach kurzem Überlegen und einem Blick auf den Flur, wo um diese Zeit alles ruhig ist, nickt sie, und zeigt uns den Weg.. Mit dem Fahrstuhl gehts in s Untergeschoss....... dass mein sonst so hibbeliger Benjoe bedenkenlos in die Kabine steigt, verwundert mich trotz allem...... tapferer Kerl.....

 

Im Keller der Klinik sind die Patienten Zimmer und genau das sind es wirklich: grosse Räume, warm und weich ausgepolstert, mit vier grossen geräumigen Boxen darin..... Der erste Raum auf der rechten Seite wird Bens sein.. Er hat das ganze Zimmer für sich allein....

 

Zunächst zögernd, aber als er sieht, dass ich mitgehe, recht flott geht Benjoe in eine der grossen Boxen und lässt sich auf meinem mitgebrachten Sweatshirt nieder.... Die Ärztin geht, und lässt uns eine ganze Weile allein. Mittlerweile bin ich erstaunlich ruhig und auch relativ zuversichtlich....

 

Noch ein dicker Knutscher und eine heftige Umarmumg, dann fliehe ich regelrecht aus dieser Box nach draussen.. nur raus hier....... Morgen früh um sieben Uhr werde ich mit Irina wieder hier sein... Um halb acht startet die Operation und ich möchte, auch wenn ich nichts tun kann, direkt hier warten und nicht darauf, dass irgendwann mein Telefon klingelt.........

 

Inzwischen bin  ich so ruhig, dass ich sogar ganz sachlich die Überlegung anstelle, was mache ich, wenn es zum Äussersten kommt ?

Auch damit habe ich mich in den letzten Wochen ja schon auseinandergesetzt.. Meinen Benjoe beim Tierarzt lassen, wenn er stirbt ? Niemals.... Ihn beerdigen ?  Dazu habe ich leider nicht die Möglichkeit..... Also habe ich mich für die Einäscherung entschieden und zwar in München...

Bei weiterem Überlegen wird mir aber auch klar, dass ich mein Vorhaben , falls Ben sterben sollte, ihn dann selbst von Leipzig nach München zu bringen, nicht durchführbar ist...... Zumal ich auch an Irina denken muss... Soll sie stundenlang neben ihrem toten Gefährten im Auto unterwegs sein `? Halte ich das eigentlich durch`? Nein..... kaum........ zumal die Witterungsverhältnisse denkbar schlecht sind, wir haben Eisregen...

 

Zurück in der Pension erneuter Anruf zu Hause .....

 

Meine Entscheidung, nun doch nicht zu amputieren, wird mit einiger Erleichterung aufgenommen, (denn davon ist meine bessere Hälfte nach dem ersten Überschwang nun selbst nicht mehr überzeugt)  und mir ist inzwischen auch klar, dass die aus einer totalen Panik heraus gefallen und nicht klug gewesen ist........

 

Dabei spreche ich auch den Fall „was ist wenn..., an“ und wir kommen überein, dass es , wenngleich wir hoffen, es nicht zu brauchen, besser ist, sich heute abend noch zu  informieren, welche Möglichkeiten ich vor Ort habe...

 

Kurzentschlossen rufe ich, es ist inzwischen halb elf abends, eine mir gut bekannte und auch im Doggenschutz tätige Züchterin an , die ganz in der Nähe von Leipzig lebt und frage nach...

Kurze Zeit später meldet diese sich zurück und gibt mir die Rufnummer eines Tierbestatters aus Thüringen, der auch Einäscherungen organisiert.

Das Gespräch mit Frau H. tut mir gut, viel haben wir in den letzten Wochen miteinander gesprochen und heute abend macht sie mir nochmal Mut.. Ihr Optimismus ist ansteckend und auch ihr Vertrauen in die Ärzte der Tierklinik tut gut...

 

Auf gehts in eine unruhige Nacht...

 

 

Freitag, 6. Dezember 2002

 

Um fünf Uhr stehe ich auf, ich will unbedingt zeitigst in der Klinik sein, hier halte ich es ja doch nicht aus...

Erst als ich mit Irina zur Tür raus gehe gegen sechs Uhr fällt mir ein, dass heute Nikolaustag ist- die nette Pensionswirtin hat mir eine Packung Hundekekse und ein Körbchen mit Mandarinen , Plätzchen und Nüssen vor die Tür gestellt......

 

Die Hundekekse futtert Irina, immerhin hat sie heute Geburtstag, und zwar ihren achten !!! Auch das habe ich nicht vergessen .... etwas wehmütig denke ich noch so bei mir „und Benjoe ist erst fünf......“ und darf erst seit knapp 21 Monaten endlich einmal „leben“, ohne Stachelhalsband, ohne abwehrende Schläge, wenn er Nähe sucht, ohne 10 Stunden alleine in einer Küche zu verbringen......

 

Die inzwischen wohlvertraute Strecke zur Klinik schaffen wir in guten 30 Minuten und sind reichlich früh in der Klinik.. An der Anmeldung bekomme ich einen heissen Kaffee und die Mitteilung, man habe vor zehn Minuten mit allen Vorbereitungen begonnen , und wolle schon um kurz nach sieben mit der OP beginnen.....

 

Ich bin immer noch erstaunlich ruhig und wir suchen uns einen ruhigen Platz im riesigen Warteraum. ......... nun heisst es: warten, hoffen , beten....

 

Kurz nach acht...... nach Auskunft der Pflegerin an der Anmeldung läuft bislang alles gut... Wir gehen kurz nach draussen an die frische Luft... die ersten Patienten kommen und im Nu füllt sich das Wartezimmer.. Nur auf die üblichen Wartezimmergespräche, die man in Begleitung einer Dogge immer hat, habe ich überhaupt keinen Nerv.....

 

Halb neun...... noch immer nichts gehört und die OP läuft seit zwei Stunden... langsam schleicht sich ein ganz kleiner Funken Hoffnung: „vielleicht hats ja doch.......“ ein, allzuviel Platz lasse ich dem aber nicht in meinem Kopf.........

 

 

Um neun Uhr neununddreissig vibriert das Handy erneut...... eine SMS vom Partner „du bist nicht allein, ich halte dich ganz fest.......“ Ich weiss nicht, was ich darauf antworten soll, schlucke den Kloss im Hals runter und warte weiter.......

 

Um neun Uhr dreiundfünfzig kommt Prof. Grevel in den Warteraum und bittet mich in ihr Büro........ wie ich dort hingekommen bin mit Irina, weiss ich nicht......

 

Sie fängt an mit: „ die gefürchteten Komplikationen sind nicht eingetreten...und wir haben uns alle unbändig gefreut....“ und ich merke, wie ich tief Luft hole und sie dann zum ersten Mal direkt ansehe..... ein Blick in ihr Gesicht sagt mir dann aber ganz brutal alles.....

Mein „aber ?“ war mehr als nur kläglich......

 

„leider,leider mussten wir feststellen, dass der Knochen genau an der Stelle, wo später die Fixation angebracht werden muss, extrem porös ist und sogar einen kleinen Bruch aufweist.....“ Mit anderen Worten: es wäre nicht möglich, die notwendige Fixation anzubringen...... Man könnte versuchen , mit künstlichem Knochenzement zu stabilisieren, aber die Gefahr, dass bei der ersten Belastung des operierten Beins alles herausbricht, ist enorm hoch......

Das Ärzteteam entschied sich gegen dieses, für die Forschung sicherlich interessante Verfahren.......

Das ist das, was ich bewusst aufgenommen habe in dem Moment....... alles andere rauschte an mir vorbei.... Ich möchte nur noch wissen, wann mein Benjoe gestorben ist, denn so war es ja vereinbart........

Auf diese Frage höre ich ein „noch gar nicht, er ist noch im OP und ich bin direkt heruntergekommen, um mit Ihnen zu sprechen“......

 

Ich möchte ihn sehen..... wenn ich schon mein Versprechen nicht gehalten habe, dann möchte ich wenigstens bei ihm sein......

 

Frau Prof. Grevel versteht meinen Wunsch, erklärt mir aber, dass ich nicht in den sterilen OP Bereich könne... ich bleibe stur...

Nach einigem Überlegen bringt sie mich und Irina in einen Notaufnahme OP im Erdgeschoss und verspricht, Benjamin zu bringen....

 

Als sie den Raum verlassen hat  höre ich noch , wie sie diese Entscheidung gegenüber einem anderen Arzt , der offenkundig weniger Verständnis hat, verteidigt, dann sind wir erstmal allein....

 

Ich nehme mein Handy und beantworte die Kurznachricht von vorhin „ wir stehen am Anfang der Regenbogenbrücke...“ , schicke die Meldung ab, und schalte das Handy aus..........

 

Das Gefühl, an dem Kloss im Hals zu ersticken , ist extrem...... immer wieder sage ich mir, „du warst darauf vorbereitet, es kommt nicht aus heiterem Himmel....“.. nur nützt das wenig........ Irina liegt neben mir auf dem Boden und drückt mir, was selten vorkommt, den Kopf in die Hände.............

 

Nach ungefähr fünfzehn Minuten, es ist jetzt so kurz vor halb elf, geht die Tür auf und Prof. Grevel erscheint mit Benjamin auf der Bahre...... er schläft tief und fest in seiner Vollnarkose, ausser einem sauberen Verband an seinem linken Bein sieht er aus wie immer......

 

Irina sieht ihn, springt auf und geht schwanzwedelnd auf ihn zu.... Spätestens hier ist alles zu spät, ich heule nur noch.. habe Ben im Arm und heule, wie ein Schlosshund... ich wusste, dass es wehtun würde, ich wusste nicht, wie sehr.....

Man lässt uns noch eine Weile alleine...

 

Nach einem Weilchen mahnt uns die Ärztin, dass es langsam Zeit wird, weil sonst die Narkosewirkung nachlässt.. Normalerweise würde er dann aufwachen........

 

Ich kann nur nicken.... um 10:45 hört Benjamins Herz auf zu schlagen......

 

Weitere zehn Minuten später bittet mich die Ärztin, Irina von der Leine zu nehmen und sich frei bewegen zu lassen.... Gleichzeitig lässt sie den OP Tisch bis auf 30 cm zu Boden........ ich bin etwas irritiert, aber sie erklärt mir, sie möchte Irina die Gelegenheit geben, zu erkennen, zu erschnüffeln, dass der Gefährte nicht mehr lebt... Hunde erschnueffeln das innerhalb ganz kurzer Zeit nach dem Tod und akzeptierten die Endgültigkeit wesentlich besser, als wenn der Gefährte einfach so „verschwindet“......

Ich beobachte Irina..... und die Ärztin scheint recht zu haben...... Sie beschnueffelt jeden Zentimeter von vorne bis hinten, dreht sich dann um, geht zur Tür und schaut nach mir....

Als wollte sie sagen: „komm, ich habe verstanden......“

 

Was in mir da vorging, kann ich nicht beschreiben......

 

Ich bringe noch fertig, die Ärzte zu bitten, mit Benjamin nichts zu unternehmen, ich wollte alles organisieren, dann rennen wir regelrecht die Klinik raus.........

 

Im Auto kann ich ausser heulen erstmal gar nichts tun....

 

Nach einer ganzen Weile schaffe ich es dann, den Tierbestatter in Thüringen anzurufen und halbwegs verständlich zu schildern,worum es geht und was ich möchte.

Angesichts der Tatsache, dass wir von so Weit herkommen und ich Sicherheit möchte über den Verbleib von Benjamin , verspricht mir die Dame, sofort loszufahren (immerhin gut zwei Stunden Fahrt und das bei Eisregen)  und sich in Leipzig zu melden... Wir vereinbaren, dass ich in der Klinik Bescheid sage und sie dann im Laufe des Nachmittags meinen Hund dort abholt.... Ich selbst will nur nach Hause.......

 

Anruf zu Hause: „ich habe alles geregelt, fahre jetzt zur Pension, packe und komme heute noch heim......“

Man versucht, mir abzuraten, lieber noch eine Nacht zu bleiben, nach der vorhergehenden Nacht und dem Vormittag , und erst am nächsten Morgen früh loszufahren..

 

Nein, ich kann es nicht, ich muss hier weg...

 

Als ich gerade gepackt und die Pension bezahlt habe, klingelt mein Telefon.. Die Dame von der Tierbestattung teilt mir mit, sie sei in etwa einer halben Stunde in der Klinik, ob ich noch vor Ort sei........

Das bin ich , und bis zur Klinik habe ich auch eine knappe halbe Stunde, so dass wir vereinbaren , uns dort zu treffen....

Unfroh bin ich darüber nicht, so kann ich mir wenigstens ein Bild von den Leuten und der Arbeitsweise machen........

 

Kurz nach vierzehn Uhr bin ich an der Klinik, wenige Minuten später trifft auch Fr. Seeliger vom Bestatter ein.... Sie ist mir gleich sympathisch und ich vertraue ihr....

Ich melde mich nochmals an der Anmeldung und sage, dass mein Hund abgeholt wird... Man weist uns die direkte Zufahrt zum Klinikgebäude und schickt uns einen Pfleger, der die Tür öffnen wird......

Kurz darauf geht die Tür auf, und ich stehe wieder im gleichen Flur wie einen Abend zuvor..... nur, dass Benjamin jetzt auf der anderen Seite des Ganges im Kühlraum liegt..... ich kann nicht mehr....... und als dann noch der junge Pfleger mit Tränen im gesicht auf mich zukommt, mir meinen Pullover und Bens Sachen gibt und mir erzählt, er habe die Nacht bei ihm in der Box gelegen, weil Benjoe so weinte, ist es ganz vorbei. Ich muss hier raus......

 

Die Formalitäten sind schnell erledigt, ich bekomme die Zusage, dass mir Fr., Seeliger Bescheid geben wird, wann sie Benjamin nach München zur Einäscherung bringen wird und den genauen Termin der Verbrennung, dann muessen wir alle los....

 

Der Kofferraum geht zu, und das letzte, was ich in Leipzig registriert habe, ist ein schwarzer Van, von dem ich weiss, dass er Benjamin dabei hat und ihn in den nächsten Tagen nach München bringen wird.......

 

Ich habe gehofft, gekämpft.. und doch verloren.......

 

 

Mit Irina mache ich mich gegen 15 Uhr auf die lange Fahrt nach Hause...

 

Am 18.Dezember 2002 wurde Benjamin im Tierkrematorium München in einer Einzeleinäscherung verbrannt und kam so wieder „zurück nach Hause....“

 

Am 18. Januar 2003 wäre er auf den Tag genau zwei Jahre bei mir gewesen, Benjoe, die ehemals „ach so schwierige“ Notdogge, die ich über alles geliebt habe....

 

Wenn ich dann in der Tätigkeit im Doggenschutz unter dem Eindruck der letzten knapp zwei Jahre im Allgemeinen und den letzten sechs Wochen im Speziellen, mitbekomme, wie leichtfertig sich viele Menschen von ihrer Dogge trennen, wie schnell die Verantwortung für das Tier abgegeben wird, dann packt mich einerseits die kalte Wut, andererseits könnte ich resignieren.....